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THIS PAGE IS DEVOTED TO PIECES ABOUT

PETER HANDKE'S MONSTRUM NOVEL

SIERRA DEL GREDOS,

SINCE Bildverlust is proving untranslatable into English last I heard from the translator who has fallen way behind... and may expire from these labors.

 


HANDKE AND DON QUIJOTE... SEVERAL PIECES, THE FIRST IS BY GEORG PICHLER

=Aber vielleicht haben die Ritterschaft und die Verzauberungen heutzutage andere Wege zu nehmen als bei den Alten=. Peter Handkes Auseinandersetzung mit Cervantes und dem Don Quijote

Georg Pichler (Universidad de Alcala)

=Einmal musste er in die Welt des Miguel de Cervantes hineinkommen.=1 Wer hier versucht, in eine ihm fremde Welt und Literatur einzudringen, ist eine der sieben Figuren, deren Geschichten Peter Handke in seinem Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht schildert und der Geschichte des Ich-Erzahlers beistellt, eine Figur, die Handke bezeichnenderweise =der Leser= nennt. Dieser Leser, ein sehr deutsches Schicksal, der im Dritten Reich geboren wurde und spater erst im Ostteil, dann im Westteil Deutschlands lebte, plagt sich mit den Exemplarischen Novellen des Klassikers ab. Trotz seiner mangelhaften Spanischkenntnisse buchstabiert er sich muhselig durch die Originalversion – doch seine Lektureversuche prallen immer wieder erfolglos am Text ab. Die asthetische Komponente der Sprache bleibt ihm nicht verborgen, aber er kommt mit der Darstellung des Inhalts durch den Autor nicht zurecht: =[...] er las zwar, hatte, gefragt, jede Einzelheit der jeweiligen ‚Exemplarischen Novelle= wiedergeben koennen, nur blieb er unbeteiligt, empfanglich hoechstens fur die Eleganz der spanischen Satzperioden, und das war nicht seine Art zu lesen.=2 Seine Art zu lesen ist die der Anteilnahme, der persoenlichen Implikation, der ernsthaften Auseinandersetzung mit einem Text und seinen Figuren, weswegen er schon als Kind am Don Quijote gescheitert war, denn er =konnte diese selbsternannten Helden und ihr Gefuchtel weder ernst nehmen noch komisch finden.=3

Einzig das Wissen um seine, des Lesers Vorganger =durch die Jahrhunderte=4, die den Don Quijote zu einem der meist gelesenen Bucher der Literaturgeschichte gemacht haben, all diese ernst zu nehmenden Leser, die sich in ihrer Summe nicht tauschen koennen, lassen den Handkeschen Leser sich weiter bemuhen. Womit er sich, dies nebenbei gesagt, in der fur Handke doch recht erstaunlichen Gesellschaft von Georg Lukacs befindet, der uber den Quijote ebenfalls meinte, =Erfolge dieser Art sind niemals zufallig=5. Der Handkesche Leser hat auch Erfolg, denn nach langem Lesen findet er eine Stelle, an der =ein Cervantes-Held endlich von einer anderen Gestalt der Erzahlung erstgenommen wird, worauf ebenso der Leser ihn endlich ernstnehmen konnte=6. Ernsthaftigkeit als Grundzug der Literatur, nicht nur innerhalb der Texte, sondern und vor allem ein Ernstnehmen der Literatur an sich.

Auf der anderen Seite steht im selben Roman eine zweite Figur, ein weiterer Freund des Ich-Erzahlers, der Maler und ein bekannter katalanischer Kunstler ist. Nach einer ziellosen Reise durch die beiden Kastilien fahrt er von Albacete aus durch die Hochebene Richtung Norden

an einer leichten, wie vor Jahrhunderten ausgeschaufelten Senke vorbei, einem leeren Geviert ein wenig unter dem schon mit der Wintersaat bebauten Nutzland, einer einstigen Viehhurde, verwildert, mit verstrupptem Gras, Resten eines Holzzauns, auch eines Verschlags, daran Pferdestrickfransen, am Boden eine Eselsklaue, ein Vogelskelett, und er dachte: =Das ist Cervantes= Welt! Das ist Spanien!=[...], und weiter: =Wie tun der Menschheit von Zeit zu Zeit solch lacherliche, sinnlose und einseitige Helden not wie der Don Quijote!=7

Die Literatur erschliesst sich dem Maler uber die spanische Landschaft, eine Landschaft, die zwar ein Bild der Verlassenheit und des Verfalls bietet, die aber in die Literatur eingegangen ist und aus ihr zuruckspiegelt. Nicht umsonst gehen bei Handke immer wieder Schriftzeichen in Landschaft, geht Landschaft in Schriftzeichen uber.8

Damit sind denn auch die Pole abgesteckt, zwischen denen sich Handkes Beschaftigung mit dem spanischen Klassiker abspielt. Einerseits setzt er sich mit Cervantes als Autor auseinander – und er tut dies auf weitaus kritischere Weise, als es etwa bei Goethe der Fall war, der lange Zeit als Leitstern uber Handkes Schreiben stand. War Goethe fur ihn eine Bereicherung seines eigenen Schaffens und wurde von ihm beinahe enthusiastisch verklart – so nennt er ihn =mein Dichter= oder meint =Dichter wie Goethe sind die Retter=9 –, ist Cervantes fur ihn ein Autor, zu dem er sich nur aus relativ grosser Distanz aussern kann. Bediente sich Handke bei Goethe der ubereinstimmungen, um fur seine eigene Literatur zu lernen, sind es bei Cervantes eher die Spannungsmomente zwischen dem Spanier und seinem eigenen Schreiben, die er produktiv nutzt.

Andererseits kommt Handke Cervantes uber die Landschaft sehr nahe. In einem Interview mit der Tageszeitung El País meinte er etwa: =En el Quijote aparecen los paisajes de una manera tan fabulosa y al mismo tiempo tan concreta como raras veces he leído.= Und fahrt in bezeichnender ubereinstimmung mit seiner Romanfigur, dem Maler, fort: =[…] aún hoy, cuando voy por los paisajes españoles y veo una de esas fincas semiderruidas, tengo que acordarme del Quijote.=10 Dieser Zugang ist sehr subjektiv und gibt eher Handkes Blick auf Spanien als Cervantes= Texte wieder. Denn die Landschaftsbeschreibungen im Don Quijote nehmen einen untergeordneten Rang ein und werden, im Vergleich zu den ausgefeilten und wohl konstruierten Dialogen, oft ironisierend eingesetzt oder wirken manchmal fremd und kunstlich, wie schon Vladimir Nabokov in seinen Vorlesungen uber den Quijote bemerkte.11

In seinem bislang groessten Roman Der Bildverlust oder durch die Sierra de Gredos hat Handke dem Autor des Quijote ein hintergrundiges, vieldeutiges Denkmal gesetzt. Handkes Roman berichtet von der Reise einer deutsch-sorbischen Bankfrau, die von einer noerdlichen Flusshafenstadt nach Valladolid fliegt, von dort erst mit dem Auto, dann mit dem Bus in die Sierra de Gredos fahrt, in der sie allerlei wundersame Begebenheiten erlebt, bevor sie das Gebirge zu Fuss uberquert und von der Sudseite der Sierra auf verschlungenen Wegen in einen =weltfernen, aber nicht weltvergessenen=12 Ort in der Mancha reist, in dem der Autor auf sie wartet, um ihre Geschichte niederzuschreiben.

Im Text gibt es vielerlei Anspielungen auf den Don Quijote und seinen realen Autor: Cervantes wird des oefteren namentlich genannt, man kann eine =Originalausgabe des Don Quijote=13 gegen eine =Buntglasmurmel= oder eine Kiste geweihter Sierra-apfel eintauschen, Handke bezeichnet seine Heldin als =señora andante=, es kommen eine = venta=, ein =ventero= und ein =escudero= vor, es ist von =Windmuhlenflugeln [und] boesen Riesen=, von einem =Ritter von der Finsterlichtung= und von =Numancia= die Rede, ja sogar Cervantes= Schreibhand tritt kurzzeitig in Erscheinung14. Und die Heldin des Romans war in ihrer Jugend wohl nicht umsonst =die Hauptdarstellerin in einem ‚Mittelalterfilm= gewesen=15.

uber diese blossen Zitate und relativ offensichtlichen Anspielungen hinaus gibt es jedoch weitere, aufschlussreichere Parallelen zwischen dem Bildverlust und dem Quijote: Gattungstypologisch etwa sind beide Romane Reisetexte, deren Erzahlraume nahe beieinander liegen und sich zum Teil uberschneiden. Nun sind aber Reisen in allen moeglichen Fortbewegungsarten eine Konstante in Peter Handkes Werk; und auch ein Gutteil der Protagonisten der Weltliteratur befindet sich auf Reisen oder ist in irgendeiner Form unterwegs, so dass dieses Thema allein die beiden Texte nicht wirklich miteinander zu vereinen vermag. Zudem ist die Behandlung der Reise innerhalb der realen Geografie in beiden Romanen sehr verschieden. Cervantes war, wie Nabokov treffend feststellte, =kein Topograf=16. Seine Ortsangaben sind diffus, prekar, allgemein gehalten, umfassen ein paar Ortschaften in der Mancha, Landstriche bis hin nach Barcelona, geben aber nicht wirklich Auskunft uber die Orte, an denen sich Don Quijote befindet. Der Hintergrund der Handlung bleibt ebenso wie die Landschaft bei ihm immer vieldeutig verschwommen. Handke hingegen lasst seine Heldin durch eine detailliert geschilderte Landschaft und ein reale Geografie ziehen, deren Orte er nennt, oft mit Angaben zur Seehoehe oder Einwohnerzahl beschreibt, sie aber auch mit Ortschaften mischt, die zwar tatsachlich, aber anderswo auf der Welt existieren. Ausserdem lasst er seine Protagonistin an diesen realen Ortschaften immer nur vorbeifahren, wahrend die Orte ihres Aufenthalts wie im Don Quijote in einer verwischten Undeutlichkeit gehalten sind.

Auf der strukturellen Ebene spielen sowohl der Don Quijote als auch Der Bildverlust mit den verschiedenen Erzahlebenen. Cervantes schob bekanntlich drei Erzahlinstanzen vor, hinter denen er sich verbarg: den arabischen Historiker Cide Hamete Benengeli, dessen Manuskript im 9. Kapitel des ersten Bandes vom fiktionalen Erzahler auf dem Markt in Toledo aufgefunden wird. Dieser lasst es von einem =morisco aljamiado=17, also einem des Spanischen kundigen Morisken, ubersetzen, um diese ubersetzung in seiner eigenen Version und mit Kommentaren versehen wiederzugeben. Handke hingegen verstarkt dieses Spiel insofern, als er die Geschichte seiner Bankfrau von einem fiktionalen Erzahler nacherzahlen lasst, der von ihr den Auftrag bekommen hat, ihre Abenteuer festzuhalten. Dieser Prozess des Schreibens wird von beiden immer wieder im Verlauf des Romans kommentiert: Wahrend die Bankerin dem Autor ihre Reise erzahlt, sprechen sie daruber, was und wie ihre Geschichte aufzuschreiben sei. In diesen Kommentaren finden die – um es zeitgemass zu sagen – literaturtheoretischen Ausfuhrungen im Don Quijote uber das Schreiben, uber Ritterromane, uber die Kunste ihre Entsprechung. In beiden Romanen wird so das Erzahlen an sich reflektiert und der Akt des Erzahlens zugleich in der Erzahlung selbst vorgefuhrt, eben das, was Juan Goytisolo einmal =mostrar los hilos de la trama y las astucias del tramoyista=18 genannt hat. Am Ende seines Romans lasst Peter Handke die Heldin mit dem Autor der Geschichte in einer Umarmung zu einer Einheit verschmelzen, Inhalt und Sprache so in der Bewegung des Schreibens eins werden. Dasselbe tut Cervantes, wenn er die Schreibfeder des Cide Hamete Benengeli am Schluss seines Romans das Wort ergreifen lasst: =Para mí sola nació don Quijote, y yo para él: él supo obrar y yo escribir, solos los dos somos para en uno=19. Kann man Handkes Schluss als eine erzahltheoretisch durchdachte Hommage an den Autor des Don Quijote lesen, diente die literarische Verschmelzung von Schreibfeder und Figur Cervantes vor allem dazu, einer weiteren Verwendung des Don Quijote durch den =escritor fingido y tordesillesco=20 oder andere apokryphe Autoren vorzubeugen.

Ein apokrypher Autor, so die nachste Parallele, kommt auch im Bildverlust vor, der jedoch bei Handke eine andere Funktion hat als bei Cervantes. Jener Alonso Fernandez de Avellaneda, =natural de Tordesillas=21, der von Cervantes bezeichnenderweise nur einmal namentlich genannt wird, gibt mit seinem falschen Buch dem Autor des wahren Don Quijote Anlass dazu, auf literarischer Ebene einen realen urheberrechtlichen Streit auszutragen und nebenbei das Werk dreifach zu kritisieren: aufgrund von =algunas palabras [...] en el prólogo=, wegen seiner Sprache und angesichts inhaltlicher Fehler22. Handke erfindet im Anschluss daran einen apokryphen Autor, der fur ihn das Gegenprinzip des Erzahlens verkoerpert und durch den er Medien- und Sprachkritik betreibt. Fur den wahren Handkeschen Erzahler aus dem Mancha-Dorf ist dieser apokryphe Nebenbuhler ein =falscher Erzahler, [...] weil er etwas erzahlt, das in meinen Augen nicht erzahlt gehoert=23, namlich pikante Details aus einer angeblichen Liebesbeziehung der Protagonistin. Und er schreibt diesem =Worte-und-Tatsachen-Verdreher, de[m] Schlecht- oder allzugut-Macher=24 falschen, da pathetischen und pseudowissenschaftlichen Sprachgebrauch zu25.

Zugleich ist aber Handke selbst ein apokrypher Autor. Im Bildverlust finden sich zwei Satze, die explizit Cervantes zugeschrieben werden: =Neben dessen Dunkelgestalt die helle Stelle aufleuchtend genau in Baumform: sein nachtliches Nachbild=, wobei der Handkesche Autor in Klammern hinzufugt: =Den Satz habe ich gestohlen bei Miguel de Cervantes y Saavedra.=26 Und kurz danach zitiert er erneut mit Quellenangabe: =‚Die Knappen erzahlen ihr Leben, die Ritter ihre Liebe= (noch einmal dein Miguel).=27 Beim ersten Satz ist es eher offensichtlich als beim zweiten: beide stammen nicht von Cervantes.

Aber auch an einer anderen Stelle des Romans, die erzahltheoretisch eher dem realen als dem fiktiven Autor zuzuschreiben ist, finden wir einen als woertliches Zitat von Miguel de Cervantes ausgewiesenen Satz. Eines der drei dem Roman vorangestellten Mottos lautet: =Aber vielleicht haben die Ritterschaft und die Verzauberungen heutzutage andere Wege zu nehmen als bei den Alten.=28 Der Satz ist von Handke wohl nicht ohne Absicht an diese prominente Stelle gesetzt worden.

Ein Motto ist, folgt man Gerard Genette, gemeinhin ein =Kommentar zum Text=, der haufig =ratselhaft [ist] und eine Bedeutung [besitzt], die sich erst nach vollstandiger Lekture des Textes erschliesst=29. Rollt man nun unter dem Licht dieses Satzes Handkes Roman noch einmal auf, so zeigt sich, dass neben all den bisher genannten, eher oberflachlichen Parallelen, zwei Aspekte die beiden Bucher trotz aller Unterschiede uber die Jahrhunderte hinweg verbinden: einerseits eine utopische Dimension, andererseits die fur beide Texte bedeutungsvolle Auseinandersetzung mit dem Wechselspiel von Realitat und Fiktion.

Ernst Bloch sah im ritterlichen Wunschtraum Don Quijotes weit mehr als einen =blossen sozialen Anachronismus, er ist auch archaisch-utopischer, dauernd mit dem einer kunftigen Welt verbunden, einer so edleren wie bunteren=30. Die aus einer falschen Vergangenheit genahrten Vorstellungen Don Quijotes von einer schoeneren, gerechteren, besseren Welt, die unausgesetzt an der Banalitat und Brutalitat seiner – in der Fiktion – =realen= Gegenwart zerbrechen, stellen fur Bloch eine Keimzelle der Utopie dar, auch wenn es sich nur um eine =Karikatur von Utopie=31 handelt. Eine Idee, die auch im Bildverlust zu finden ist: Handke lasst seine Heldin aus der Gegenwart in immer weiter zuruckliegende Zivilisationsstufen regredieren, bis sie eine unbestimmte Zeit in Hondareda zubringt, einem tatsachlich existierenden, aber fiktiv belebten Hochtal der Sierra de Gredos, dem so genannten =Circo de Gredos=. Hier leben die Menschen auf der Flucht vor der Welt des Draussen unter einfachsten Umstanden und im Einklang mit einer seltsam fremdartigen Natur, wohnen in Hoehlen, betreiben Tauschhandel, gehen der =Tauwissenschaft=32 nach, haben neue Zeit- und Langenmasse und einen eigenen =Rhythmus=33. Doch ebenso wie Don Quijotes Utopie an der Aussenwelt zerbricht, scheitert auch die Welt von Hondareda dadurch, dass sie von aussen zerstoert wird: zu bedrohlich ist diese Keimzelle eines anderen Lebens. Bei Cervantes sind der Priester und der Barbier die Reprasentanten der Obrigkeit, die Don Quijote auf den Weg der Normalitat zuruckbringen wollen, bei Handke ist es der in Armeebegleitung angereiste Fernsehjournalist, der anhand einer Bildbombardierung versucht, die Abweichler in die Zivilisation zuruckzuholen, eben in die =Erfahrung von der entzauberten Welt=34, von der Adorno mit Bezug auf den Illusionsverlust im Don Quijote sprach.

Und noch in einer anderen Hinsicht ist der Bildverlust dem Don Quijote verwandt: beide sind Medienkritik in dem Sinn, dass sie die Abbildungsfahigkeit der Realitat durch das Medium Sprache hinterfragen.35 Don Quijote war das erste Buch, das die Verwandtschaft der Zeichen zu den von ihnen bezeichneten Dingen auf kunstlerische Weise radikal in Frage stellte. Don Quijote will beweisen, dass die Bucher die Welt darstellen und ihre Sprache das bedeutet, was er auf der Welt vorfindet; er muss, wie Michel Foucault meinte, =die inhaltslosen Zeichen der Erzahlung mit Realitat fullen=36. An seinem, des Helden Scheitern an der Realitat sehe man zum ersten Mal =die grausame Vernunft der Identitaten und Differenzen bis ins Unendliche mit den Zeichen und den ahnlichkeiten spielen=37, also eben das, was Foucault zufolge auch die Literatur ausmacht. Cervantes hat – ob wissentlich oder nicht, ist fur unsere Belange nicht von Bedeutung – mit seinem Buch ein Werk geschaffen, das jeden direkten Bezug von Bezeichnetem und Bezeichnendem hinterfragt und so der Literatur eine neue Dimension eroeffnet. Mit anderen Worten: Kritik am Medium Sprache als gultige Wahrnehmungs- und Darstellungsform der Realitat. Handke tut dies ebenso, wenn er, gegen Ende seines Romans, den Bildverlust als Kritik an der Wahrnehmung der Wirklichkeit hinstellt. Denn der Bildverlust bedeutet, dass die von ihm Betroffenen ihrer eigenen Bilder verlustig gegangen sind, in denen =Aussen und Innen fusioniert zu etwas Drittem, etwas Groesserem und Bestandigerem=38 erschienen. Ersetzt werden sie durch kunstlich fabrizierte, genormte, gelenkte und gemachte Bilder, Bilder, die sowohl dem Ich als auch der Welt voellig fremd sind.

Handke spielt im Bildverlust mit diesen Bezugen wie das mehrmalige uberlegen des Erzahlers nahe legt, ob denn Cervantes nicht der bessere, der =Traum-Autor= fur die Geschichte der Heldin gewesen ware, gegen den er selbst nur =eine Art Notbehelf= 39 sei. Doch kommt er zu dem Schluss, dass =fur die Geschichte des Bildverlusts= wohl eher er, =der heutige Autor, der richtigere [sei] als ihr Miguel (de Cervantes y Saavedra, oder wie er hiess), fur den das seinerzeit doch kein Thema, oder Problem, gewesen ware? Oder doch?=40

Wohl doch, wenn auch auf anderen Wegen: Bei beiden geht es um die Wahrnehmung der Welt im Zusammenspiel zwischen innen und aussen, denn

zumindest eines hatte sie [die Bankerin] mit dem Helden der Geschichte ihres Miguel gemeinsam: sie suchte Abenteuer, wo gar keine, zumindest keine ausseren, sichtbaren, zu bestehen waren. [...] Auch seine Abenteuergeschichten waren, nicht anders als die vom Bildverlust-und-wie-sich-aus-ihm-Herauswirtschaften vor allem innerweltliche und gerade deshalb universale?41

uber diese Bestimmung finden Handkes Figuren Zugang zu Cervantes und sehen sich in einer Tradition mit dem Don Quijote. Und so ist es auch verstandlich, wenn Handke dem ironischen Abgesang auf die Ritterromane42 und dem ersten modernen Roman ein Denkmal setzt, das ihn zu einer Art Ahnherr der Literatur macht und ihn abhebt von den Erzeugnissen des Literaturbetriebs. In Nuevo Bazar, einer futuristisch beschriebenen Stadt, in der die Gewalt herrscht und die Menschen dem uniformen Verhaltenskodex des Konsum erlegen sind, hat die Protagonistin ploetzlich ein Bild vor Augen:

[...] in der Hoehe oben, im sechsten und letzten Stockwerk, dem Dachgeschoss eines Bucherwarenhauses, dessen samtliche Etagen bis dort hinauf prangen von den Stapeln, hier in Tempel-, hier in Pyramiden-, hier in Pfahlbauten-Form, des von Niveau Eins bis Niveau Sechs selben Titels, alle die Millionen Exemplare gleich dick, mit denselben Umschlagfarben, den identischen Bauchbinden: unterm Dach dort aber ein wie aus der Reihe der anderen gefallenes und in irgendwelchen Haltestricken oder als Dekor benutzten Fischernetzen mit den aufgeschlagenen Seiten nach unten hangengebliebenes Buch, anders dick als alle die anderen, ohne Umschlag, sichtlich angelesen, so dass, hatte man ein gutes Fernglas zur Hand – man hat –, in dessen Fokus das Buch mitsamt den einzelnen Zeilen so nah ruckte wie manche dem freien Auge eines bodenwartigen Betrachters entzogenen Figuren weit weg an den mittelalterlichen Turmsimsen, und sich dergestalt etwa entziffern liesse: =An einem Ort in der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern moechte, lebte vor nicht langer Zeit...=43

Ein Bild, das trotz oder gerade wegen seiner diffizilen Ausfuhrung Handkes poetologischen Standpunkt treffend beschreibt: Ganz oben im Konsumtempel des Literaturmarktes, nur aus der Ferne erkennbar, thront wie zufallig und scheinbar verloren in einer alten, unansehnlichen Ausgabe der Don Quijote uber der gesichtslosen Massenware als Sinnbild der Literatur, um die es Handke geht und in deren Traditionslinie er sich einschreibt. Seine eigenwillige Auseinandersetzung mit dieser Literatur, die er in Cervantes verkoerpert sieht und an deren Fortschreibung er sich macht, zeigt sich noch deutlicher, wenn man sie mit einem anderen Versuch vergleicht, den Don Quijote fur seine eigene Poetik zunutze zu machen.

In seinem 1985 erschienenen Roman Stadt aus Glas erzahlt Paul Auster die Geschichte des Krimiautors Daniel Quinn, der eines Tages einen Anruf erhalt und gefragt wird, ob er der Detektiv Paul Auster sei. Im Verlauf der Geschichte, deren Details fur unsere Belange nicht von Interesse sind, verirrt sich Quinn immer mehr in den Strassen von New York und stolpert in der einen wie der anderen Richtung uber alle moeglichen Schwellen zwischen Realitat und Fiktion, bis er schliesslich am Ende spurlos aus dem Roman verschwindet und einen verdutzen Paul Auster und den namenlosen Erzahler des Romans zurucklasst. Der gekonnt erzahlte, anspielungsreiche und hintergrundige Roman von Auster wandelt das Thema der Identitat in vielfaltiger Weise ab: Doppelganger in allen moeglichen Formen kommen vor, Namen werden ausgetauscht und angenommen und mit ihnen Identitaten gewechselt oder ausprobiert, die ubergange zwischen real existierenden Personen, in der Fiktion =realen= Figuren und Figuren aus der Literatur sind fliessend. Paradigma dieses Versuchs uber die Verwischung von Wirklichkeit und Unwirklichkeit ist der Don Quijote, dessen Einsatz vom Autor nach und nach vorbereitet wird. So taucht etwa beilaufig eine =Mrs. Saavedra=44 auf, deren Mann, wie man ebenso beilaufig erfahrt, =Michael=45 heisst. Der Protagonist Daniel Quinn ist nicht nur ein Namensvetter des Eskimos =Mighty Quinn= aus dem Lied von Bob Dylan, er hat auch dieselben Initialen wie Don Quijote. Und schliesslich, genau am Wendepunkt der Handlung, als der Held im Roman den Schriftsteller Paul Auster in dessen Wohnung besucht, um Klarheit in den Fall zu bringen, kommt es zu einem Gesprach uber den Don Quijote, das die komplexe Erzahlstruktur von Stadt aus Glas reflektiert. Der Paul Auster des Romans erklart Quinn, dass die Erzahlinstanz des Cide Hamete Benengeli =eine Kombination von vier verschiedenen Personen=46 sei: Sancho, als analphabethischer Augenzeuge habe die Geschichte dem Barbier und dem Pfarrer diktiert, die, um Don Quijote von seinem Wahn zu befreien, sie aufgeschrieben und das Manuskript Simon ( sic statt Sansón) Carrasco ubergeben hatten. Carrasco habe es ins Arabische ubertragen, aus dem es Cervantes wiederum ins Spanische ruckubersetzen liess. Im Grund aber sei es Don Quijote gewesen, der das =Benengeli-Quartett=47 organisiert und das Buch sogar selbst wieder ins Spanische gebracht habe, denn – so Auster in seiner erzahltheoretischen Verquicktheit – =Cervantes beauftragt Don Quijote, die Geschichte von Don Quijote zu entziffern. Darin steckt die grosse Schoenheit.=48 Hierin spiegelt sich in groben Zugen die erzahlerische Anlage von Stadt aus Glas wider: Auch der reale Autor Paul Auster beauftragt die Figur Daniel Quinn, seine eigene Geschichte zu loesen und zu entziffern, die in der Folge von einem anonymen Erzahler und Freund der Romanfigur Paul Auster aufgeschrieben wird.

Das Problem dabei ist, dass Auster sein literarisches Chiffrierspiel durchsichtig macht, es selbst erklart und sich selbst erlautert, so dass dem Leser kaum mehr Freiraum bleibt, die vom Autor ausgelegten Spuren in Eigeninitiative zu entschlusseln. Er kann den Vorgaben des Autors nur noch folgen. Dies geht so weit, dass es sich der Autor Auster nicht verkneifen kann, sogar das nicht unbedingt diffizile Spiel mit den Initialen des Helden aufzuloesen, denn Quinn fragt sich gegen Schluss des Romans, =warum er die gleichen Initialen hatte wie Don Quijote=49. Austers Roman, der in seiner expositionellen Anlage des oefteren an Borges denken lasst, bleibt so auf ein metaliterarisches Vexierbild in bester postmoderner Manier beschrankt, das den Textrahmen nicht sprengt.

Anders Handke: Er reflektiert, wie ich zu zeigen versucht habe, nicht nur uber die Moeglichkeiten der Literatur, die Stellung des Autors zu Zeiten Cervantes= und heute oder betreibt philosophisch fundierte Medienkritik, sondern loest auch die von ihm gestellten Fragen nicht auf, uberantwortet das Weiterdenken dem Leser und schafft somit durch seine Auseinandersetzung mit Cervantes ein Kunstwerk, das nach vielen Richtungen hin offen und produktiv ist

 

 

 

Handke se inspira en =El Quijote= y en una Espana irreal para su nueva novela


El escritor austriaco Peter Handke, uno de los autores mas provocadores en la escena literaria europea, acaba de publicar una nueva novela, ambientada en una Espana irreal, en la que, segun los criticos, toma como inspiracion elementos de =El Quijote= para arremeter de forma alegorica contra una sociedad alienada por los poderosos medios de comunicacion.


El relato, bajo el titulo de =Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos= (literalmente, =La perdida de la imagen o por la sierra de Gredos=), editado por Suhrkamp y de 760 paginas, cuenta la historia de una banquera y ex estrella de cine que pide a un escritor que redacte sus memorias. La mujer emprende un viaje de aventuras por un pais montanoso y en guerra -mas parecido a los Balcanes que a la Espana actual- que recorre en viejos autobuses y a pie. Despues de aterrizar en Valladolid, su periplo la lleva a lugares como Nuevo Bazar, Candeleda, Pedrada y Hondareda. Ademas de las historias superficiales de prensa rosa sobre la mujer, el memorialista intentara explicar como afronta esta su fracaso.


Las criticas aparecidas en la prensa alemana hablan de un libro de =dificil lectura=, lo que no es inhabitual en el creador austriaco. =Peter Handke se aleja aun mas de la gente -escribe ?Welt am Sonntag?-. Al igual que su banquera, el tambien esta de viaje en un mundo metafisico de la pura sensacion. El poeta escribe palabras en un cielo vacio, como si pudiera provocar la redencion.= Segun el =Frankfurter Allgemeine=, Handke =refleja la decadencia de la sociedad moderna en el simulacro de sus imagenes=. Por su caracter antirrealista, el diario asegura que se trata del =gran libro que se contrapone a la actual literatura= y lo califica como un =hibrido entre novela y manifiesto=.


El relato de Handke pretende llamar la atencion sobre una sociedad que el ve enferma porque es incapaz de tener una vision de si misma. Esa =perdida de la imagen= se compensa por unas imagenes creadas en los medios de comunicacion.


Articulo de EUSEBIO VAL publicado en La Vanguardia el 24/01/2002



L I T E R A T U R

Macht Euch die Erde untertan

Nach dem Streit um Walser: Warum Schriftsteller die monotheistischen Religionen fuer die Sinnkrise verantwortlich machen. Ein zweiter Blick auf die Romane von Peter Handke und Michel Houellebecq

Von Thomas Assheuer

Die Kontroverse um den neuen Roman von Martin Walser Tod eines Kritikers hat,ganz nebenbei, den Blick auf einen Streit gelenkt, der den Unterstrom zu vielen intellektuellen Auseinandersetzungen der Gegenwart bildet: auf den Streit ueber den Stellenwert des juedisch-christlichen Erbes. Diese Auseinandersetzung mit dem Monotheismus loest zunehmend kulturkritische Reflexe aus - mal gegen die +Weltherrschaft+ amerikanischer Lebensformen, mal gegen Globalisierung ueberhaupt gerichtet. Doch warum werden, auf den ersten Blick durchaus unverstaendlich, monotheistische Religionen fuer den Zustand der Weltgesellschaft verantwortlich gemacht? Was wird ihnen zur Last gelegt?



Walser, dessen Roman Tod eines Kritikers (Suhrkamp Verlag) ein obszoenes Spiel mit antisemitischen Stereotypen treibt, macht keinen Hehl aus seiner UEberzeugung, dass die juedisch-christliche Tradition die Hauptschuld an der modernen Sinnkrise traegt. Im Schlusskapitel seines Buches wird der Erzaehler von einem nietzscheanischen Albtraum heimgesucht: Was vor 2000 Jahren als mosaischer Ruf nach Gerechtigkeit begann, werde als Nihilismus einer TV-Kultur enden. Und so ruhen die Hoffnungen des Erzaehlers auf einer +Saturnistin+, die ihn von der +christlichen Finsternis+ erloesen soll. +Saturn ist die Zeit vor der Zeit. Und nach ihr. Die absolute Anti-Utopie. (...) Hans Lach ist der gequaelte Christ (...). Ehrl-Koenig war die Operettenversion des juedisch-christlichen Abendlandes.+



Auch Handkes Roman Der Bildverlust (Suhrkamp Verlag) richtet in einer Schluesselpassage den Blick auf den christlich-juedischen Monotheismus und unterzieht ihn einer, im Vergleich zu Walser, beinahe einfuehlenden Kritik. Handkes bekehrter +Beobachter+ traeumt von einer Epoche, in der sich die Zeit selbst verwandelt - aber nicht als Rueckgriff hinter die Religion, sondern durch diese hindurch. +Wieder wie vor der Geschichte als Historie, Kinder der Zeit, des Gottes Kronos, (...) das sei die Verheissung, welcher jeder einzelne (...) nachzuleben versuche als einer ungeplant allgemeinen Religion.+ In diesem Traum verschmelzen +Offenbarung+ und messianische +Verheissung+. +Was fuer die Juden der weiterhin verheissene Erloeser ist (...), das ist, wenn auch grundanders und vor allem anders gerichtet, als Verheissung die Zeit.+



In der Diagnose kaum anders, wenngleich weniger subtil, liest man es bei dem franzoesischen Autor Michel Houellebecq. Auch sein Roman Plattform (DuMont Verlag) klagt die monotheistischen Religionen an, weniger den Katholizismus, dafuer umso mehr den Islam. Der Glaube an den +Einen Gott+ habe einen Bildersturz ausgeloest und eine grosse Leere ueber die Welt gebracht. Was in der Wueste geboren wurde, hat die Erde zur Wueste gemacht. Einen AEgypter laesst Houellebecq sagen: +Je mehr sich eine Religion dem Monotheismus naehert, um so unmenschlicher und grausamer ist sie (...) Ein einziger Gott! (...) Wieviel tiefsinniger, menschlicher und weiser unsere aegyptische Religion war.+



Die westliche Moderne entfesselt einen zweiten Bildersturm



Gewiss, die Romane von Handke und Houellebecq sind durch Welten getrennt. Zwischen ihnen liegen Kontinente der Sprache und Schreibweisen, von den erzaehlten Geschichten ganz zu schweigen. Handkes Roman Der Bildverlust handelt davon, wie sich eine +Bankkauffrau+ einen Autor +kauft+, damit er ihre Erfahrungen aufschreibt und in Sprache verwandelt (ZEIT Nr. 5/02). In Houellebecqs Plattform (ZEIT Nr. 7/02) huscht mit +echsenhafter Lethargie+ ein Kulturbuerokrat ueber die Szene, dessen Freundin als Managerin in der Sextourismusindustrie arbeitet (+Anders reisen+). Wie Konsumwaren, so sollen lustbereite Koerper nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage getauscht werden, frei nach dem Motto: Die schoenen Frauen der Dritten Welt bereiten den Europaeern ein Luestchen fuer den Tag und eines fuer die Nacht. Der Laden laeuft - bis am Ende islamistische Terroristen das perverse Idyll von Eldorado Aphrodite in die Luft jagen.



Und doch - der Schein truegt. So unvereinbar die aesthetischen Strategien der beiden Romane auch sind, so sehr aehneln sie sich in der Kritik unserer Gegenwart. Beide +berichten+ ueber eine +Zwischen-+ (Handke) beziehungsweise eine +UEbergangszeit+ (Houellebecq); beide fuehren einen literarischen Prozess gegen die westliche Welt, deren imaginative Leere sie als unmittelbare Folge des religioesen Bilderverbots beschreiben. Denn beide behaupten, der globalisierte Kapitalismus sei nicht nur eine Wirtschaftsweise, sondern eine geschlossene symbolische Ordnung - und damit selbst eine Art Hochreligion. Revolutionaer an dieser Ordnung sei nicht allein der saekulare Sieg der OEkonomie; revolutionaer sei die Macht westlicher Bilder und westlicher Kultur, die +Ausweitung der Kampfzone+ nach innen, auf die Sprache der Menschen. Wie ein riesiges Loeschpapier sauge der Kapitalismus die letzten traditionellen Kulturen auf, um die eroberten Provinzen mit Sextouristen und Menschenrechtlern, TV-Sendern und UN-Soldaten zu besetzen, gewissermassen als Zuruestung fuer die eigene Unsterblichkeit.



Bei Handke ist das eine vertraute Melodie. Er verdaechtigt die Vereinigten Staaten, Hand in Hand mit ihren europaeischen Vasallen einen Universalstaat zu errichten, vorneweg US-Army und Nato, im Schlepptau CNN und Hollywood. Doch die neuen Missionare exportierten nicht nur ihr Wirtschaftssystem, sondern auch ein Evangelium aus +Wissen und Information+. Dieser symbolische Kapitalismus funktioniere wie seine OEkonomie nach dem Prinzip von Einschluss und Ausschluss. Zuerst schliesst er die vorgefundenen lokalen und traditionellen Bedeutungen aus und ersetzt sie durch die Sprache des Geldes. Deshalb ist der politische Westen fuer Handke eine landnehmende, mit seinen kulturellen Symbolen aber eine namensgebende Macht. Ein Empire, das alle anderen zwingt, ihr Leben durch das westliche Sprachauge zu betrachten. Doch dieses Auge ist kalt.



Genauso liest man es bei Houellebecq. Auch bei ihm ist das Jahr 1989, der Untergang der Sowjetunion, ein Elementarereignis, das den westlichen Meridian ein letztes Mal gen Osten verschiebt. Der Westen umschliesst die ganze Welt, von Kapstadt bis Wladiwostok, und nun fallen die alten Sprachnationen - oder wie Handke sagen wuerde: die +Voelker+ - in die Haende der westlichen Bilderstuermer. Auf dem Weltmarkt beginnt ein Todesrennen um die besten Plaetze, ein +ewiger Kampf, der niemals zu Ende gehen kann+. Es herrscht Krieg, im Grossen wie im Kleinen. Nachdem alle Sinnschichten abgekratzt wurden, treffen sich Houellebecqs Kultur(!)-Angestellte in der Pariser +Bar-Bar+, um reinen Sex, den letzten Signifikanten, aus dem Koerper des +Partners+ zu peitschen. Das nackte Leben - das ist alles, was von den abendlaendischen Weltdeutungen uebrig blieb. +Wenn es nicht ab und zu ein wenig Sex gebe, woraus wuerde dann das Leben bestehen?+



Der siegreiche Kapitalismus gleicht einer saekularen Hochreligion



Handke wie Houellebecq werden nicht muede, das symbolische Elend der Gegenwart, ihre imaginative Leere, auszumalen - pathetisch der eine, parodistisch der andere. Beide sind davon ueberzeugt, das Leben koenne nur gelingen, wenn jeder in seiner Welt Metaphern und Erzaehlungen vorfindet, in deren Licht er sein Dasein zu interpretieren vermag. Genau diese welterschliessenden Bilder fehlen im Reklamereich des amerikanisierten Westens. Stumm steht der Held in Plattform vor seiner Vergangenheit, stumm vor seiner Gegenwart, und wie seine Zukunft aussehen soll, kann er sich +sowieso nicht recht vorstellen+. Nach dem Sieg von +Kapital und Information+ ist seine innere Leere absolut. Er liest Balduccis Roman Total control und Auguste Comtes Rede ueber den Geist des Positivismus, ueberzeugt,die Menschen vegetierten wie +Insekten in einem Bernsteinblock+. Dabei erinnert ihn die posthistorische Zivilisation an praehistorische Zeiten. UEberall ist Gewalt. +Wir legten eine Pause ein, um zu essen. Zur gleichen Zeit schlugen Jugendliche aus der Cite einer Frau in den Sechzigern mit einem Baseballschlaeger den Schaedel ein. Als Vorspeise nahm ich Makrelen in Weissweinsosse.+



Auch diese Gewalt ist eine Folge des Bildersturzes. Auf der ganzen Welt haben die neoliberalen Missionare ihre Gesetzestafeln aufgestellt, aber diese Tafeln sind blind und leer. Einmal betrachtet Houellebecqs Held die Grenze zu Thailand, und diese Landschaft ist, wie der Erzaehler versichert, von ueberwaeltigender Schoenheit. Und wieder bleibt der Held stumm - aber nicht, weil es ihm die Sprache verschlagen haette, sondern weil es in seiner Wahrnehmung keine Bilder mehr gibt, in denen er das Naturschoene ueberhaupt als schoen erfahren koennte. +Ich hatte diese (...) Formen schon irgendwo gesehen. Vielleicht in den Landschaften der italienischen Maler.+ Unter dem Dauerfeuer westlicher Medien sind diese erhellenden Bilder verblasst, oder mit einem Satz von Handke: Sie kommen +nicht mehr von selber+, sie sind +am Aussterben, ueberall unter dem Himmel+. Man muss sie vorsaetzlich herbeirufen, und darum +bleiben sie ohne Bedeutung+. Die Wahrnehmung der Landschaft wird von keinem Bild +gequert+, keiner Metapher +gekreuzt+.



So ist es immer wieder derselbe Befund. Die Metaphern +sterben+, Information und Wissen enteignen die symbolische Wahrnehmung. Linguisten wuerden sagen: Weil die Hintergrundsemantik zerfaellt, gibt es keine welterschliessenden Metaphern mehr, in deren Licht die Romanfiguren ihre Welt als sinnvolle erfahren koennten. Im Netz der westlichen Kultur zappelt und zuckt ein bilderloses, von allen Imaginationen gereinigtes und seinem Triebschicksal stumm ergebenes Subjekt, das verzweifelt die Wirklichkeit nach Sinn abtastet, aber zwischen Paris und Bangkok nichts anderes vorfindet als jene Schnittmuster, die die Hohen Priester der kapitalistischen Religion, Trenddesigner und +Verhaltenskonsumsoziologen+, vorgestanzt haben.



Und doch - eines vermag die Spiritualitaet des Konsums nicht aus der Welt zu bringen: das Leiden an Zeit und Endlichkeit. Handke und Houellebecq sind pessimistisch davon ueberzeugt, dass diese existenziellen Verhaeltnisse im symbolischen Kapitalismus erst recht hervortreten, und zwar wiederum mit archaischer Gewalt. Die new speak des Westens, sagen sie, habe die troestenden Erzaehlungen vergiftet, mit denen Menschen ihre Grunderfahrungen deuten, ihre Erfahrung von Alter und Krankheit, Liebe und Tod. Houellebecqs Roman beginnt denn auch mit einer plakativen Anspielung auf eine Schockerfahrung der modernen Literatur, auf die Spurenlosigkeit des Todes. Der Vater des Helden wird ermordet aufgefunden, doch dieser Verlust laesst ihn voellig kalt. +Ich war ein bisschen angespannt; man hat eben nicht jeden Tag einen Todesfall in der Familie.+ Spurlos geht die Erfahrung des Todes an ihm vorueber, wortlos bleibt seine Trauer. Die Macht des Negativen ist erloschen und bildet keine sinnstiftenden Metaphern mehr. Der Held sitzt vorm Fernseher, darin kaempft Xena, die Kriegerin. Die Nacht wird +undurchdringlich, die Stille ebenfalls.+



Auch in Handkes Sezessionsroman veraendert der +Bildersturz+ die Erfahrung von Zeit und Tod. Seine Heldin, von Beruf Bankkauffrau (wie eine Schluesselfigur in Botho Strauss' Zeitroman Der junge Mann), war aus ihrem Heimatdorf gefluechtet, weil sie die +Leichenbesessenheit+ dort nicht mehr ausgehalten hatte, den Terror der Religion, die Atmosphaere des Todes, das Sterben der Kinder. Sie emanzipiert sich von der Macht des Negativen und wendet sich dem Geld zu. Allein +in der Vorstellung+ des Geldes +sah sie die Gegenrichtung angezeigt zu dem finsteren Kadavergehorsam (...) Das Geld verkoerperte das Diesseits und hiess: Jetzt.+



Doch Handke ist kein postmoderner Theoretiker, der die Verwandlung von Todeserzaehlungen in Geldgeschichten leichtsinnig als Fortschritt des Menschengeschlechts begruesst. Im Gegenteil, fuer Handke entfaltet die rechtmaessige Befreiung von der bedrueckenden Herkunft eine traurige Dialektik, und deshalb klingt seine Weltformel wie die von Houellebecq: Die Inflationierung des Geldes ist die Deflationierung von +Sinn+. Doch Vorsicht - nicht das Geld ist fuer Handke ein Problem, sondern jene verheerende Wirkung, die es entfaltet, wenn es als +Bild+ in die +Weltvermittlung+, in Symbole und Metaphern, einsickert und alle anderen Bilder verdraengt. Nur deshalb kann er sagen, die +Kauf-, Veranstaltungs-, Ereignis- und sonstigen Reiz-Bilder verhinderten das Ankommen auch nur eines einzigen jener Bilder, welche (...) allen Menschen die Welt ebenso darstellten wie auffrischten+. Unterm bilderlosen Blick der Aktienkurse laesst sich kein Sinn erschliessen und keine Liebe gewinnen. +Was fuer ein Durcheinander. Und kein Zusammenhang. Keine Dauer, keine Dauer. Und doch das Leben. Das grosse Leben. Wie gross ist das Leben.+



So abenteuerlich es klingt: Auch fuer diesen Bildverlust machen Handke und Houellebecq die +abendlaendische+ Geschichte verantwortlich. Denn wenn die Tourismusmanager in Plattform ausschwaermen, um die Frohe Botschaft des Markt- und Lustprinzips zu verkuenden, dann folgen sie nicht zufaellig den Spuren des christlichen Seefahrers Christoph Kolumbus. Ihr Reisebuero, das Nouvelle  ¨re heisst, organisiert +Entdeckungsreisen+ auch nach Kuba, und zwar an die Bucht von Baracoa, wo Kolumbus an Land ging. Hier auf Kuba verdichtet sich gewissermassen das Weltgeschick, und hier kommt die vom juedisch-christlichen Glauben in Gang gesetzte Moderne als oekonomistische Hochreligion zur Ruhe, errichtet auf den god terms von Geld und Sex. Die religioese Verheissung ist wieder im Diesseits angekommen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, versichert der Erzaehler, dann werde Kubas kommunistischer Nebenstrom in den kapitalistischen Hauptstrom einmuenden und den Sieg der Tauschlogik vollenden. Fin de partie, Ende der Geschichte. Die dekadenten Sieger treffen auf eine Armutspopulation, die nichts anderes zu verkaufen hat als ihren nackten Koerper. Cuba libre.



Auch die Staatenlosen, die in Handkes Roman Der Bildverlust aus der kriegerischen Weltgesellschaft in die Niemandsbucht Hondareda gespuelt werden, sind unglueckliche Nachkommen des Christoph Kolumbus. Einer ihrer Vorfahren, so vermerkt der Erzaehler, war Steuermann an Bord der Santa Maria und habe mitgeholfen, die +damaligen Weltgrenzen+ zu erweitern. Heute kommen die Ausgewanderten zurueck in ihr +Stammland+, ernuechtert, +ausgespielt+ und - sprachlos. Denn auch bei ihnen ruehrt das Leiden an einer +ungegenwaertigen Gegenwart+ aus der Leere ihrer Sprachformen. Ohne Bilder, ruft Handke ihnen zu, keine +Weltvermittlung und kein Lebensgefuehl+. Und so duempeln seine Fahrensleute +im Toten Meer der Unzugaenglichkeit+, in einem Phrasenstrom, von nichts anderem getrieben als von dem Wunsch, dem Bildersturz zu entkommen und den groessten Schmerz zu besiegen, den es in Handkes Welt gibt: den Verlust an Bedeutsamkeit und Anschauung. Im letzten Jahrhundert, so sagt der +Beobachter+, ist ein +Raubbau an den Bildern betrieben worden wie noch nie+. Die Bilderwelt sei +aufgebraucht - ausnahmslos blind, taub und schal geworden - von keinerlei Wissenschaft mehr aufzufrischen+.



Die globalisierte Neue Welt hat die Bilder der Alten Welt entkernt, und nun erschoepft sie sich in droehnender Selbstwiederholung und feiert das Immergleiche des Neuen als die Erfuellung alteuropaeischer Wuensche. Am Ende der abendlaendischen Mobilmachung, nachdem sich +Kapital und Information+ als liturgische Formeln weltweit durchgesetzt haben, entsteht eine grandiose Tautologie, eine Welt ohne Alternative, ruhelos und statisch, unbezwingbar und unaufhoerlich, allein davon besessen, warenfoermige Bedeutungen zu produzieren und alles Lebendige mit seinen Einheitszeichen zu ueberdecken. In dieser entzauberten Welt gibt es kein Ding, das nicht aussieht wie eine Ware, und keine Erfahrung, die nicht von Menschenhand stimuliert waere. Wenn Houellebecqs Pauschaltouristen durch Kuba torkeln, entdecken sie das, was sie zuvor in den +Reisefuehrern gelesen haben+. Auch die Wunder werden kuenstlich erzeugt. +Und vergesst nicht, irgendwo magische Augenblicke einzubauen+, sagt der Touristikboss in Plattform, bevor er sich wieder der +Berechnung von Festkosten+ zuwendet. +Sprachheilpaedagogen+ bevoelkern seine Clubs, und das Einzige, worin sie sich unterscheiden, ist der Grad geheuchelter Liebe, mit dem die dunklen und hellen Koerper gemaess der +angebotsorientierten OEkonomie+ fusioniert werden.



Am Ende sprengt Houellebecqs Roman, mit den ueblichen reaktionaeren Untertoenen, die symbolische Ordnung des Westens gleich ganz in die Luft. Apokalyptisch gestimmt, ist Gewalt der vacuum cleaner, der die Leere der +TUI, Adidas, Nike+-Welt zur Implosion bringt. Natuerlich, auch das macht seinen Roman nicht zu einem politischen Manifest; er bleibt bis zuletzt ein, zugegeben, grob gestricktes aesthetisches Gebilde, weitaus schlichter als die +wiederholten Spiegelungen+ in Handkes zerquaeltem Epos Der Bildverlust. Dessen Misstrauen gegen moderne Sprachformen ist so gross, dass er sogar die +Schrift+ des Erzaehlers durchstreicht und jeden Satz in Muendlichkeit aufheben moechte, in das +Sein+ der reinen, im Fluss der Erzaehlung vergehenden Zeit. Wie Sprachlehrlinge muessen sich seine Figuren vom westlichen Imaginationsmuell reinigen, um im Medium +reiner Anschauung+ zu einer neuen +Fassung+ zu gelangen. Erst nach diesem Durchgang durch die Namenlosigkeit kann die Natur wieder auf neue Namen +getauft+ und der Monotheismus des Westens ueberwunden werden.



Wohin fuehrt die Flucht aus der traumlosen Gegenwart?



Auch Houellebecq, der intellektuelle Perlentaucher mit staendigem Blick auf den Philosophen Alexandre  ve, beschreibt die Pax Americana nicht politisch - als System der Freiheit -, sondern allein als Sinnverlust und symbolische Schliessung. Die liberale Praxis ist fuer ihn eine Herrschaftsform, die das Besondere tilgt, alles Leben seiner Souveraenitaet beraubt und von authentischen Bildern abschneidet. Weil er +den Westen+ allein als Saekularisat des Monotheismus beschreibt, bilden die Hochreligionen auch fuer Houellebecq den Focus fuer seinen kulturkritischen Hass. Ausgehend vom Monotheismus, habe sich der Westen in eine millenaristische Erloesungsreligion verwandelt - in ein europaeisch-amerikanisches Empire. Vollstaendig sind die alten spirituellen Energien in die neue Ordnung eingewandert und entzaubert worden. Der Fluchtweg aus dieser traumlosen Moderne, so jedenfalls kann man Houellebecq verstehen, fuehrt nur ueber die Truemmer der juedisch-christlichen Tradition.



Dieser fatale Fehlschluss hat schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts viele Intellektuelle zum Kampf gegen +buergerliche Moral+ und egalitaere Demokratie verleitet. Auch damals machten sie keinen Unterschied zwischen dem Recht der Freiheit und der Gewalt des Geldes, zwischen Politik und Kultur. Alles war eins, und an allem trug jener +bilderlose+ Monotheismus Schuld, der die +Wurzeln+ des +Ursprungs+ gekappt habe. Heute ist der antimonotheistische Affekt genauso zweischneidig wie damals. Auf der einen Seite macht er empfindlich fuer die Verluste der modernen Mobilmachung; auf der anderen Seite verhoehnt er das Leidens- und Gerechtigkeitsbewusstsein, das die Religionen der Welt geschenkt haben. Ganz finster wird es, wenn literarische und politische Fantasie verwechselt werden. Handke hat in seinem Serbienbuch schon einmal den Unterschied zwischen AEsthetik und Politik aufgehoben und einer (serbischen) Diktatur den Hof gemacht. Und dass Walsers mythischer Affekt gegen die Religion auf einen strukturellen Antijudaismus zutreibt, kann nur uebersehen, wer dessen Selbstbekenntnisse bagatellisiert (Martin Meyer in der NZZ vom 15. 6. 02). Dagegen lassen Houellebecq und Handke dem Leser diesmal die Freiheit, das Unbehagen an der symbolischen Weltgesellschaft ernst zu nehmen, ohne die Hassfantasien teilen zu muessen.

Culture



KULTUR

Montag, 21. Januar 2002

<
BUCHKRITIK



Bildverlust Weltverlust


Peter Handkes neuer Roman beschwoert die Gefahr der Gegenwart: die Zerstoerung der Phantasie freier Menschen



Dieses Buch entzieht sich allen ueblichen Formen der Literaturkritik. Ist es ein Roman, ein Maerchen oder ein 753 Seiten langer Prosatext? Wie einst Cervantes Anfang des 17. Jahrhunderts mit seinem  Don Quijote= dem damals ueblichen Genre der Ritterromane ein Ende setzen wollte, so verabschiedet sich Handke von der Form des modernen Romans.



Dabei entsagt er keineswegs der Erzaehlkunst. Nur: Sein gewaltiges Buch steht quer zu allen Produktionen der Gegenwartsliteratur, laesst sich nicht einordnen. Wer sich dessen Aura verschliesst, wird es wuetend ablehnen, geht es doch um das Zentrale: die poetische Potenz, die unverstellte Einbildungskraft.



Wie schon in seinen frueheren Buechern, so auch in Der Bildverlust= der Titel markiert den Angriffspunkt seines Widerstands entzieht der Autor die Konstruktion seines Werkes jeder gaengigen Realitaetskontrolle. Er entwirft eine moegliche Welt, in der die wirkliche Welt des =gesunden Menschenverstands= nur noch eine = wenn auch stets praesente Nebenrolle spielt. Ja, sie wird selbst verfremdet. Es ist diese  exzentrische Position= des Autors wie seiner Romanheldin, der namenlosen Bankfrau=, die es den gut vernetzten Wirklichkeitsmenschen der modernen westlichen Zivilisation so schwer machen wird, sich in den Text einzuleben. Die Tagtraeume, somnambulen Zustaende und entrueckten Phasen der handkeschen Personen verweisen auf einen Erlebnisraum, den vermeintlich Lebenstuechtige eher meiden. Fuer den Autor aber ist das der Bereich, in dem die Poesie entspringt, die Einbildungskraft sich vollzieht.



Das Selbstverstaendliche auf einmal seltsam finden, darauf kommt es Handke an. Das ist der Moment der Freiheit. Ploetzlich koennen Menschen die Welt der Bilder vom Abgebildeten unterscheiden und werden sich bewusst, dass sie auf freiere Weise ueber die Welt der Bilder verfuegen als ueber die Dinge, die ohne uns sind, wie sie sind. Wer sich also auf die Lektuere von Durch die Sierra de Gredos=, so der Nebentitel, einlaesst, muss sich der poetischen Gegenwelt, die hier entworfen wird, oeffnen. Er muss ein Unbehagen an der heutigen Welt und ihren Bildern mitbringen, und er muss sich, fuer die Zeit der Lektuere, in eine  exzentrische Position= versetzen koennen.

Was wird erzaehlt? Die UEberfuelle an Episoden, Neben- und Zwischengeschichten laesst jeden Versuch einer Inhaltsangabe laecherlich erscheinen. Bestenfalls lassen sich die Romanheldin und ihr Schicksal nachzeichnen. Sie lebt in einer namenlosen nordwestlichen Flusshafenstadt=, arbeitet aeusserst erfolgreich im Bankgewerbe und fuehrt eine =Finanzfuerstin-Existenz=. UEber ihre Herkunft erfaehrt man nur, dass sie in Ostdeutschland geboren wurde, wendische und arabische Vorfahren besitzt und bei ihren viel reisenden Grosseltern aufgewachsen ist. Sie lebt getrennt von ihrer Tochter und gilt als schoene Frau. Dennoch: Sie war klar ohne Liebhaber.=



Diese Person, ueber deren soziale Wirklichkeit wir so wenig erfahren, verfuegt ueber eine besondere Eigenschaft: Sie wird von =Bildern= erfasst.Sie hielt inne=, so heisst es im Text. =Die Strasse der Kesselschmiede in Kairo hallte wider . . .= Und weiter: =Solche Bilder kamen ihr taeglich, vor allem morgendlich. Sie lebte von ihnen, bezog aus ihnen ihr staerkstes Daseinsgefuehl.= Diese Bilder ueberkommen sie =blitzartig oder meteoritenhaft=. Keine Erinnerungen =erhoehen sie ihren Tag=. Diesem =Eingriff der Bilder= verdankt sie ihren Berufserfolg, ihre Tuechtigkeit. Doch dieses =Bildwerden= in ihrem Inneren ist bedroht. Sie fuerchtet um den Verlust ihrer Bilder, darum will sie sich auf eine Reise in die Sierra de Gredos begeben, eine bilderstarke Landschaft, die sie schon mehrmals durchwandert hat. Mit einem Autor verabredet sie einen Pakt. Er soll ihre geheim gehaltene Bilderwelt nacherzaehlen.



Die Reise der Bankfrau bildet den Rahmen des ganzen Buches. Von aussen betrachtet, fuehlt sich der Leser in die mittelspanische Welt versetzt. Die Stimmung des Aufbruchs erfasst ihn. Die kurz hingeworfenen Landschaftsschilderungen fangen ihn ein. Doch dann geraet er in eine Phantasiewelt voller merkwuerdiger Begebnisse, die Handke mit grosser Sprachgewalt ausbreitet. Die Bankfrau faehrt im UEberlandbus, nachdem ihr Landrover demoliert worden ist. In dem Ort Pedrada Cervantes lokalisierte ihn in den Eingeweiden der Sierra de Gredos= geraet sie in die Gesellschaft sonderbarer Menschen, die ihre gut bezahlten buergerlichen Existenzen aufgegeben haben, weil sie dem Bildverlust= entkommen wollen, weil ihnen die moderne Gesellschaft unlebbar geworden ist.



Unter ihnen befindet sich ein Aussenseiter, ein Typ mit Pferdeschwanz mit einer wie jahrelang an Mikrophonen und in Radiostudios geschulten Stimme=. Er vertritt die Position des Realisten, steht fest in der heutigen Welt und macht sich lustig ueber die Exzentriker mit ihrem unproduktiven Traum von einer verkehrten Welt=.



Doch die Bankfrau durchlebt eine Verwandlung nach der anderen. Die Verachtung fuer die modernen Verlierer und Idioten kann sie gar nicht mehr teilen. Handke schenkt ihnen wunderbare kurze traurige Portraets. Sie sind die  wahren Menschen=, und die Ereignisse, die die Bankfrau mit ihnen teilt, fuegen sich immer mehr zu einem modernen Maerchen, in dem sich Zeit und Raum aufheben.



War die Expedition in die Sierra de Gredos nur eine Eintagsreise in die Innenwelt, in die Traumwelt, kurz dorthin, wo die Einbildungskraft lebt? Am Schluss wird die Frage gestellt: Nur eine Geschichte?= Wie erloest kommt die Antwort:  Phantasie: Krone der Vernunft.= Was die Bankfrau erfaehrt, gipfelt in der Einsicht: Der Verlust der Bilder ist der schmerzlichste der Verluste.= Er bedeutet Weltverlust.



Fuer Peter Handke     bedeutet unsere moderne Welt keineswegs das letzte Wort. Sie ist fuer ihn auch kein unentrinnbares Schicksal. Man kann ihr etwas entgegensetzen: die persoenlich wiedergewonnene Einbildungskraft. Der Flut der Bilder in den Medien, die alles verallgemeinern, muss sich der Einzelne widersetzen. Er muss nur seinen eigenen Bildern trauen, ihnen Autoritaet verleihen gegenueber den Simulationen, die auf ihn einstuerzen, Bild und Abgebildetes stets gleichsetzen und sich wie austauschbare Waren benutzen lassen.



Damit ist nur die Oberflaeche umschrieben. Handke ist ein riesiger Wurf gelungen, voller philosophischer Anspielungen und Verweise auf die europaeische Literatur seit Homer. Kein Buch zum einmal Durchlesen, lassen sich Fuelle und Reichtum dieses Textes erst nach vielmaligem Wiederlesen erschliessen. Vernunft und Phantasie, was wir heute fuer so unvereinbar halten, lassen sich doch versoehnen darin besteht die unerhoerte Botschaft dieses Buches. Handke will der Poesie die Weltgeltung zurueckerobern.

ist der Grossdichter der deutschen Gegenwartsliteratur.



Die Einfrauexpedition zum Eintagsvolk
zu Peter Handkes neuem Roman
=Auf Verwandlungen geht unsere tiefste Lust'
Hugo von Hofmannsthal



Die Buecher Peter Handkes werden fast alle bestimmt von zwei nur scheinbar
gegenlaeufigen Bewegungen: die hin zum Aufbruch - und die hin zur Heimkehr.
Langsame Heimkehr - so der Titel des Romans, der Handkes Wende vom
kritischen Sprachspieler zum Kundschafter der sichtbaren Welt markiert - ist
bei ihm Ziel jeden Aufbruchs. Anders als die beruehmten Reisenden der
Weltliteratur, den Don Quijote einmal ausgenommen, sind die reisenden
Protagonisten der Romane Peter Handkes weniger Abenteurer als Tagtraeumer,
die gegen die Trugbilder einer sich als Wirklichkeit aufspielenden
gesellschaftlichen Welt die Bilder - Gegenbilder - einer eigentlichen Welt
freiphantasieren und dabei immer auch ein neues Bild von sich selbst zu
gewinnen suchen. Was sie als Abenteuer erleben, sind nicht die Katastrophen
und Alptraeume einer der Willkuer der Geschichte ausgelieferten Gesellschaft
als vielmehr die alltaegliche Lebenswelt des je einzelnen Menschen. Diese
Lebenswelt gilt ihnen als eine Art Gegengeschichte, die fuer sie, je mehr sie
das Unscheinbare im alltaeglichen Ablauf als das Ewige entdecken, ebenso zu
einer metaphysischen Erfahrung werden kann wie die Vertiefung in die Natur
und deren Gesetzmaessigkeiten. Hier wird ihnen das zuteil, was sie so
auffallend unterscheidet vom Gros der zeitgenoessischen Romanhelden, naemlich
eine an Goethe gemahnende Seinsfroemmigkeit.
Mit dem von ihm als =mein Held= apostrophierten Goethe verbindet Peter
Handke nicht nur das Naturverstaendnis - der Naturglaube -, sondern
darueberhinaus der heftige Harmonisierungswille. So unmoeglich es ihm ist, vor
dem Elend der Welt die Augen zu verschliessen, so strikt verbietet er sich,
schreibend =einen Elendsblick auf die Welt zu werfen=. Selbst noch Handkes
Beschreibungen seiner beiden Reisen durch das von der Nato bekriegte
=Rest-Rest-Jugoslawien=, die dem Abweichler vom hiesigen Unisono-Chor der
selbstgerechten Schuldzuweiser so viel Haeme, Hohn, ja Hass eintrugen, sind
ohne diesen Hintergrund ueberhaupt nicht zu verstehen. Auch dort war Peter
Handke nicht als selbsternannter Geschichts- oder Politexperte unterwegs,
sondern als ein auch in der groessten Bedrueckung beharrlich die
gegengeschichtlichen Lebenswelten aufspuerender Schriftsteller, der eben
diese und nicht ein politisches System bedroht sah. Auch dort ging es ihm -
in seinen eigenen Worten - um =jenes Dritte, welches bei dem deutschen
Epiker Hermann Lenz nebendraussen zu sehen oder sichten ist=, um friedliche
Gegenbilder zu den gemachten und gelenkten Medienbildern.
Eine Reise beschreibt auch Peter Handkes neuer grossmaechtig verzweigter Roman
=Der Bildverlust=. Wenn diese auch nicht ins ehemalige Jugoslawien, sondern
in die spanische Sierra de Gredos fuehrt, und wenn dazuhin nicht Peter Handke
selbst oder irgendein alter ego von ihm diese Reise unternimmt, sondern eine
Frau, genau eine =Bankfrau=, so haben sich doch jene Erfahrungen, die Handke
im zerbombten =Bruderkriegsland= Jugoslawien machte, und ebenso jene, die er
mit der Niedertracht machen musste, die ihm nach Publikation seiner
Jugoslawien-Aufzeichnungen entgegenschlug, tief eingegraben in dieses oft
beaengstigend bittere, dann wieder ironisch verwegen verspielte und zuletzt
doch wunderbar beguetigende Buch, das einmal vielleicht als Peter Handkes
Krieg und Frieden gelten wird. Oder doch eher als sein Don Quijote?
=Der Bildverlust=: diesen Titel hatte Handke schon fuer ein frueheres Buch
vorgesehen, wie er in seinem 1994 erschienenen Roman =Mein Jahr in der
Niemandsbucht= verriet (mit dem malizioesen Zusatz, sein Verleger habe ihm
diesen Titel als zu wenig verkaufstraechtig ausgeredet). Dort war auch
bereits die Rede von jenen =beheimatenden Bildern=, in die sich der
Ich-Erzaehler immer dann, wenn ihm etwas bedrohlich wurde, Zuflucht suchend
rettete - in die er =verschwand=. Unter den Bedrohungen, denen Peter Handke
sich - und eben nicht nur sich, sondern unsere Welt, unsere
Lebenswelten - ausgesetzt sah, als er 1999 im Krieg zweimal Jugoslawien
durchquerte, wollten sich diese beheimatenden Bilder bei ihm nicht oder fast
nicht mehr einstellen, und er erfuhr dort - in seinen unter dem Titel =Unter
Traenen fragend= veroeffentlichten =nachtraeglichen Aufzeichnungen von zwei
Jugoslawien-Durchquerungen= hat er davon bewegend berichtet - jenen
Bildverlust, den jetzt auch die Heldin - Heldin? - seines neuen Romans zu
erleiden fuerchtet. Unter dem sintflutartigen Andrang =allgegenwaertiger
Kauf-, Veranstaltungs-, Ereignis- und sonstigen Reiz-Bilder= und dem der
serienmaessig fabrizierten Droh- und Schreckensbilder haben auch fuer sie diese
anderen, beheimatenden Bilder ihre Kraft als Gegenbilder fast eingebuesst, und
sie glaubt, den drohenden Bildverlust nur abwenden zu koennen durch einen
Ausbruch aus ihrer gewohnten Geschaefts- und Geldwelt und den Aufbruch zu
einer Reise - sie nennt sie auch, Expedition - in jene Sierra de Gredos, die
sie schon bei frueheren Reisen als besonders bildergesaettigt und
bilderauffrischend kennengelernt hat.
Doch was sind ueberhaupt diese beheimatenden Bilder, =Bilderfunken= oder
=Bilderblitze=, die diese Bankfrau, ganz metiergerecht, auch als ihr
=Kapital= bezeichnet? Es sind die wie aus Zeit- und Raumferne kommenden oder
Zeit und Raum aufhebenden, eher beilaeufig aufgenommenen Bilder aus der
Kindheit und Jugend, aus der Natur, dem Alltag oder von Reisen, aus Buechern
auch, keine Traum- oder Nachtbilder der Regression also, sondern Tagbilder,
die unser Innen und Aussen verbinden zu etwas Groesserem, Bestaendigen, Bilder
nicht als Abbilder, sondern als Inbilder, die in ihrer Summe unser
eigentliches Weltbild ausmachen und dabei die Kontinuitaet der Welt
voraussetzen und fortsetzen. In Peter Handkes Worten: =Die Bilder als die
Weltbestandsschleppe, ueber die ganze Erde streifend und sie, die kleinsten
Orte und Winkel, belebend=. Weltliche Epiphanien koennte man sie auch nennen,
jedenfalls die noetige Nahrung fuer unsere welterweiternden Tagtraeume ebenso
wie fuer unsere Augenblicke vollkommener Weltvergessenheit.
Wer aber ist sie, die namenlose Bankfrau aus der ebenso namenlosen
=nordwestlichen Hafenstadt= (es koennte, laut Autor, auch eine Flusshafenstadt
sein wie Basel, Koeln, Rouen, Newcastle oder Passau)? Geboren in einem
ostdeutschen Dorf, mit slawischen und arabischen Vorfahren (!), die ihr
freilich nur umrisshaft vertraut sind, hatte sie als Waise ein engeres
Verhaeltnis zu Tieren als zu Nachbarn und lebte in der =fast alleinigen
Gesellschaft der Dinge= - und der Buecher. Wir duerfen uns sie, deren
Schoenheit so oft betont wird, als eher androgynes Geschoepf denken, wozu
passt, dass sie kurzzeitig auch eine Art Filmstar war, bevor sie dann ins
Bankfach wechselte und damit zu einer Taetigkeit, bei der ihr ihre angeborene
Begeisterungsgabe und -bereitschaft allmaehlich abhanden kam und zu =blosser
Geistesgegenwart= wurde - =und selbst die Geistesgegenwart zuletzt verdraengt
von nichts als Lauern= in einem Milieu, wo =jeder vom anderen und vor allem
von der anderen den Nackenschlag erwartete=.
Obwohl - oder weil? - sie ausserhalb ihrer Bankgeschaefte fast nur mit Leuten,
die kein Geld besitzen, Umgang pflegt, darunter etwa mit dem
=Stadtrandidioten=, hat sie viele Feinde, und von einem erfaehrt sie die
Feindschaft in der vielleicht schlimmsten Form: in der Liebe. Sie aber liebt
in einer Zeit, in der das Wort Liebe inflationaer wie nie zuvor geworden ist,
niemanden oder nur - nur? - ein Bild von der Liebe - und dabei gibt es fuer
sie keinen Moment ohne Begehren. =Sie war klar ohne Liebhaber=, heisst es von
ihr, und wirkte doch staendig und gewaltig geliebt, leuchtend vor
Geliebtsein, Geliebtwordensein=. Versteht sich, dass sie ihre =laengst auf und
davon gegangene Tochter= Lubna liebt, doch als sie noch mit dieser
zusammenlebte, konnte sie diese Liebe nur dergestalt aeussern, dass sie ihr
Kind unentwegt retten wollte vor lauter eingebildeten Gefahren, was das
Zusammenleben, bei fehlendem Vater, oft dramatisch machte. Auf ihrer Reise,
bei der sie sich =zurueckverwandelt in die Abenteuerin, die sie schon immer
gewesen war=, moechte sie auch das Bild dieses Kindes wiederfinden, mit dem
sie schwanger ging bei ihrer ersten Wanderung durch die Sierra de Gredos.
=Gaebe ich mein Kind, gaebe ich meine Verschollene auf, so gaebe ich auch die
Welt auf=, erklaert sie dem Autor, den sie angeheuert hat, ihre Geschichte -
nicht die ihrer Karriere, sondern die ihrer Reise und ihrer Verwandlungen
auf dieser Reise - aufzuschreiben. Denn sie ist keineswegs selbst die
Erzaehlerin, sondern sie ist der Geist der Erzaehlung und als dieser zugleich
eine allegorische Figur und eine ganz leibhaftige Frau.
Zu Beginn mutet ihre winterliche Reise so alptraumhaft an wie die Welt, aus
der sie gerade kommt, mit stundenlangen Staus und Umleitungen unterwegs,
Krieg im Radio und Bombengeschwadern in der Luft. Nuevo Bazar, die erste
Reise-Station (wo es noch eine letzte Filiale ihrer Bank gibt, die sie
freilich meidet) ist der Inbegriff aller Unorte und allen Unheils unserer
Welt. Hier, wo es kein richtiges Tageslicht, sondern nur noch Kunstlicht
gibt, fast jedes Haus ein musikberieseltes Kauf- oder Lagerhaus ist und
nicht die Wechsler aus dem Tempel getrieben werden, sondern =der einzige
noch geltende Tempel jener der Wechsler ist=, begegnen sich alle
gleichermassen mit Misstrauen und Verdaechtigungen und es treffen hier
aufeinander =Erb-Hass, Erb-Ekel, Erb-Wut gegen alles und jedes=. Die
Volksvertreter treten als =Wortkriegsfuehrer= auf und auf allen
Fernsehkanaelen werden Mord- und Totschlag live uebertragen. Hier,
=zweitausend Lichtjahre weg von daheim und von der Liebe=, erfaehrt unsere
Abenteuerin ihre erste Verwandlung: die Verwandlung in einen Menschen, der
fuer einmal =fremd und niemand mehr= ist und gerade dadurch frei, von einer
anderen, einer =groesseren Zeit= zu traeumen und von einer Erzaehlung davon, die
=der Epoche zuwiderlaeuft=.
Als sie nach einer mit Schlafwandeln verbrachten Nacht (aufgewacht ist sie
in ihrer Massenherberge in den Armen des jungen Maedchens aus der
nachbarlichen Schlafkoje) am naechsten Morgen ihren Landrover zertruemmert und
ausgebrannt vorfindet, ist ihr das keine Anzeige wert, sondern nur ein
=Recht so!= Bald erlebt sie als Passagierin eines UEberlandbusses, dessen
Fahrgaeste ihr, der einstigen Doerflerin, seltsam vertraut und gleichsam als
eine Art =Friedenstruppe= vorkommen, ihre naechste Verwandlung: die einer
fast mystischen, dabei keineswegs unkomischen Einswerdung mit diesen
Mitreisenden, die alle durch die gemeinsamen Sinneseindruecke auf der Fahrt
durch die der Sierra vorgelagerte Ebene von Polvereda =fuer einander offen
und durchlaessig= geworden sind. =Eine war hochschwanger, und ich mit ihr...
einmal erbrach ich mich, nein, das war eines der Kinder im stark
geschuettelten Heck... allesamt bluteten wir aus den Nasen, auch wenn nur ein
einziger blutete=. So erzaehlt sie spaeter ihrem Autor von dieser Verwandlung,
und der bemerkt: =Sie erzaehlte weiter, mit einer Stimme, die immer weniger
die einer Frau war, sondern die von Frau, Mann, Kind und Greis(in), von jung
und alt in einem=.
Analog zu dieser Verwandlung verwischen sich jetzt Raum und Zeit immer mehr.
Einmal bei einem Zwischenhalt wird der kranke Karl V. auf einer Saenfte
vorbeigetragen (freilich koennte es sich auch um den traditionellen
alljaehrlich Nachvollzug der letzten Reise des Kaisers handeln), dann kreuzt
ein mittelalterlicher Steinmetz den Weg, und an den Waenden der Ruinen, von
denen die Landschaft ebenso uebersaet ist wie von Kadavern, finden sich
hebraeische, kyrillische, armenische und arabische Inschriften. Nein, in eine
zeitlose Idylle fuehrt diese Reise nicht. Auch die Natur zeigt ueberall
grauenvolle Verwuestungen und immer wieder wird das Bild dieser friedlichen
Reisegesellschaft von Bildern des Unfriedens und Schreckens - Tiefflieger,
bauchlastige Hubschrauber - bedroht, schlaegt das neu gewonnene Daseinsgefuehl
unserer Bankfrau jaeh in Todesangst um.
Als der Sierra-Bus, der zugleich fahrende Leihbibliothek ist, bei einem
Zwischenaufenthalt von lauter Buecherhungrigen heimgesucht wird, sind das
nicht die erwarteten laendlichen Hausfrauen oder Jugendlichen, sondern =eher
staedtische, ja hauptstaedtische Gestalten=, auch wenn sie Kaftane, Saris,
Fez, Burnusse oder Turban tragen. Es sind Vorboten jenes Volks von
Seltsamlingen, das bald in Pedrada und Hondareda - =in den Eingeweiden der
Sierra de Gredos= (Cervantes) - fuer eine naechste Verwandlung unserer
bilderhungrigen Reisenden sorgen wird.
Pedrada hat keine AEhnlichkeit mehr mit dem Ort, den sie von frueher zu kennen
glaubte. Statt eines Hotels erwartet sie dort eine Zeltsiedlung mit offenen
Feuern um die Zelte und von Generatoren erzeugtes Kunstlicht nur in den
Zelten. An der Nachtmahltafel des riesigen Herbergszelts trifft sie unter
den dutzend Gaesten nicht nur eine beruehmte Illustrierten-Autorin (die jetzt
aber ohne Handy, ja ohne jedes Gepaeck unterwegs ist, =um das Sprechen und
ueberhaupt die Sprachen zu verlernen=), auch Karl V. ist da (und tut sich nun
als Saenger hervor) und da ist der mittelalterliche Steinmetz (der als
Fussgaenger offenbar rascher vorankam als ihr Bus), in dem sie das Bild ihres
geliebten Bruders zu erkennen glaubt. Dieser Bruder, wiewohl =das Muster
eines Kontaktmenschen=, dem alle Frauen verfielen, sah sich seit jeher als
=ein Feind des Menschengeschlechts=, und jetzt, gerade aus dem Gefaengnis
entlassen, wo er als =Terrorist= einsass, reist er, parallel zur Reise seiner
Schwester, nachhause in sein Land im Osten, das es eigentlich gar nicht mehr
gibt, fuer das er aber sogar einen Mord auf sich zu nehmen bereit ist. Wie
der Don Quijote ist Handkes Roman reich an Neben- und Zwischengeschichten
wie etwa dieser vom Bruder, der noch nicht weiss, was seine Schwester schon
weiss, dass naemlich =zur Buch-Zeit gegen nichts und fuer nichts ein Kaempfen
mehr moeglich war=.
Unter den dutzend Abendmahl-Gaesten findet sich auch einer in der Rolle des
Judas. Es ist der =vom Weltrat oder sonstwem geschickte offizielle
Beobachter=, ein smarter Typ mit Pferdeschwanz (der ihm spaeter, von wem
wohl?, abgeschnitten wird), =mit einer wie jahrelang an Mikrophonen und in
Radiostudios geschulten Stimme= und stets voll auf der Hoehe der Geschichte
und des Zeitgeists. Es war ein genialer Einfall von Peter Handke, dass er
jenes Volk von Aussteigern oder Ausgestossenen, das seine Buchheldin in
Pedrada und am naechsten Tag bei ihrem Fussmarsch durch die Sierra in der
grossen Talsenke von Hondareda erlebt, vornehmlich aus der Perspektive dieses
Rationalisten= und =Realisten= also ex negativo beschreiben laesst.
Fuer ihn mit seinem =immer gleichbleibenden, keine Miene verziehenden
Laecheln, fuer das er in der ganzen zivilisierten Welt bekannt war=, sind die
aus allen Welt- und Sprachgegenden hierher Versprengten durchwegs
Unzivilisierte, Zukurzgekommene, hoffnungslose Sektierer, antriebslos und
apathisch, dem =unproduktiven Traum von einer verkehrten Welt= nachhaengend,
kurz =ein Schandfleck in dem sonst ueberall endlich den zeitgenoessischen
Kriterien genuegenden Erdatlas=. Ihr =unvergleichlicher Atavismus= zeigt sich
ihm in ihrer voelligen Uninformiertheit, wissen doch diese =Barfussgeher=, die
=in Verschlaegen, Steinhoehlen und Erdgruben hausen wie die ersten oder die
letzten Menschen=, noch nicht einmal, =dass inzwischen der Eiffelturm
bombardiert wurde= (geschrieben vor dem 11. September 2001!), kennen sie
doch nur =muendliche Nachrichtenweitergabe nach der Messe, der Sabbatfeier
oder dem Freitagsgebet in der Moschee=. Als ebenso atavistisch brandmarkt er
nicht nur ihren Verzicht auf den bargeldlosen Zahlungsverkehr und jedes
Bankwesen - allen Ernstes betrachten sie =den Tau als ihr Hauptkapital=! -,
sondern auch ihre Berufung auf ein nie aufgeschriebenes
=Nachbarschaftsrecht=, ihr =Gesetz der guten Nachrede= oder ihre ihm voellig
uebertrieben scheinende Gastfreundschaft, von der er doch selbst profitiert,
auch wenn er diesen Leuten hier im uebrigen gaenzlich gleichgueltig ist und ihn
nicht einmal die Tiere der Beachtung wert finden.
Was der offizielle Beobachter dieser =Rueckfall- oder Robinson-Rotte= sonst
noch ankreidet sind neben ihrem Gutmenschgehabe und ihrer Selbstgenuegsamkeit
(Konsumverzicht!) ihre Muessiggeherei - =Grillenhoerengehen= gehoert zu ihren
Lieblingsbeschaeftigungen -, ihre Taenze (=samt Jauchzen, Fussaufstampfen und
Ringelreihen=) sowie das =Fehlen der erotischen Kultur (jedenfalls in der
OEffentlichkeit)=. Am meisten aber empoert ihn, in dessen Drohwoerter-Katalog
nur noch das Wort =Fundamentalismus= fehlt, dass diese =Neuwilden unter der
Hand etwas zurueck in unsere Welt schwindeln moechten, das darin seit
Jahrhunderten nichts mehr zu sagen, zu deuten und zu bestellen hat: den
Mythos - den Mythos von einem, der auszog, um eine Fassung zu gewinnen, und
derart eine neue, in Wahrheit laengst verjaehrte Ritterschaft propagierte.=
An dieser Stelle nun bringt Peter Handke explizit Cervantes ins Spiel. So
wie dessen Don Quijote Einspruch war sowohl gegen die verlogenen
Ritterromane seiner Zeit wie gegen die brutale Wirklichkeit dieser Zeit
selbst, wird hier Peter Handkes Roman zum Einspruch nicht nur gegen die
gleichmacherischen (globalisierenden) Tendenzen der =Wirklichkeitsmenschen=
(Hermann Lenz) unserer Zeit, sondern zum Einspruch gegen eine unentwegt als
aktuell auftrumpfende, vornehmlich aber auf Knalleffekte spezialisierte
Gegenwartsliteratur, die glaubt, ohne Mythos - ohne Maerchen oder
Metamorphose - auskommen zu koennen. Durch Metamorphose - eine Verwandlung
durch Entrueckung - hat Cervantes seinen Don Quijote die schrecklichen
Pruegel, die er von den Wirklichkeitsmenschen seiner Zeit bezog, vergessen
lassen und ihm ein Hoechstmass an Glueckserfuellung in seinem Kampf fuer das Edle
und Gute gewaehrt - und erst an seiner =Heilung vom Don Quijotismus= (die
seine Art des Bildverlusts bedeutete) ist dieser weltfremde, weltbewegende
Ritter von der traurigen Gestalt schliesslich gestorben.
Wie Handke selbst, der im Roman =Die Niemandsbucht= bekannte, er fuehle sich
zu den Gescheiterten und Versagern seit jeher schon hingezogen - so als
seien sie die Richtigen=, erkennt auch seine Bankfrau in dem vom offiziellen
Beobachter so geschmaehten Volk der Verlierer die fuer sie Richtigen. Dass sie
sich von einer Bankfrau in eine Exbankfrau verwandelt, die hier in der
Sierra de Gredos dem Bankwesen, das ihr =nicht erst seit heute boese krank=
erscheint, ebenso abschwoert wie jedem anderen Macht- und Erfolgsspiel,
verdankt sie diesem - wie sie es nennt - =Volk der UEberlebenden=. Und in ihm
sieht sie vor allem lauter Einzelne. Ob das der fruehere Richter ist (der in
einer Welt, wo sich jeder zum Richter - Weltenrichter - aufwirft, nie mehr
urteilen und schon gar nicht mehr verurteilen will), ein vor seiner Familie
geflohener Missionar oder der vor der Langeweile geflohene Gesteinsforscher,
die =abgedankte Wirtschaftskoenigin= oder der abgedankte Koenig (dessen
=Palast= jetzt ein =Teil des Steinchaos= ist wie die Mehrzahl der uebrigen
Bauten, =womoeglich noch niedriger, schraeger und schlupfwinkelhafter=). Durch
sie alle, von denen Handke so witzige wie zart melancholische Portraets
zeichnet, wird seine Sierra-Reisende wieder zu einer Staunenden, die ihre
Kindlichkeit wiederfindet und damit das, was Goethe =kindlich -
unueberwindlich= nannte.
Es ist ein =Staunen ueber nichts und wieder nichts=, das ihr ermoeglicht
schlechthin alles und zumal die Naturerscheinungen ereignishaft zu sehen
(=auch wenn sich nichts ereignete als das Bergangehen, das Wehen der Luft
und das Blauen des Himmels=). Und was fuer ein Ereignis, was fuer ein Staunen,
wenn die von Handke auch gern und ueberhaupt nicht abschaetzig =Idiotin=
genannte Exbankfrau in den Gestalten der grossen Gletscherspalte von
Hondareda nicht nur den =Stadtrandidioten= ihrer Flusshafenstadt, sondern
ploetzlich viele vertraute Gesichter entdeckt, darunter auch das ihres nun
nicht mehr mordgierigen Bruders! Und sind da nicht auch einige jener
=Geldmaechtigen= zu sehen, die schon seit jeher, =kaum waren sie ihren
Tempeln entronnen, zu hintergedankenfreien Bergsteigern, Kajakfahrern,
Gaertnern, Liebhabern= wurden? Selbst der offizielle Berichterstatter ist
inzwischen als ein offenbar Verwandelter oder Bekehrter hier angelangt; noch
waehrend er seine Schmaehschrift gegen die =Hondareda-Idioten= verfasst und
sie als =Weltgefahr= hinstellt, ist er ihrer Art der Anschauung verfallen
und verfallen erst recht dem =entwaffnenden Blick= dieser seltsamen Heiligen
und ritterlichen Frau, der er sich nun am liebsten als =Knappe= anschliessen
wuerde.
Auf dem Weg zu =ihrem= Autor in seinem Manchadorf, mit dem ihre langsame
Heimkehr beginnt, als sich ihr beim Abschiedsblick auf die Talsiedlung von
Hondareda diese zu einer Millionenstadt wie Sao Paulo oder Shanghai weitet,
und waehrend noch einmal ein wahrer Bilder-Regen auf sie niedergeht, entdeckt
sie dann, dass sie fast ein Jahr lang in der Sierra de Gredos unterwegs war.
Oder ist sie womoeglich ueberhaupt nie fortgewesen, so wie ihre Tochter, die
sie bei einem Anruf zuhause am Apparat hoert, vielleicht auch nie wirklich
verschwunden war, sondern nur - nur? - das Bild von ihr? War diese ganze
Reise nur Einbildung, das Volk von Hondareda nur ein Eintagvolk, nur ein
Tagtraum, eine Phantasie? Als ob ohne Einbildungskraft - und das heisst
doch ohne die Kraft der Bilder - auch nur ein einziger Tag zu ueberstehen
waere!
=Phantasie: Krone der Vernunft=: so emphatisch feiert Peter Handke auf der
vorletzten Seite seines Buches das, was seine Protagonisten seit jeher zum
Aufbruch und ihn zum Erzaehlen davon brachte und beim Erzaehlen davon leitete.
Diesmal also dem Erzaehlen eines ebenso phantastischen wie vernuenftigen,
ebenso duesteren wie lichten Maerchens, das zwischen schlimmster Bedrueckung
und schoenstem UEbermut kuehn balanciert und in seiner Bilder- und Weltfuelle,
seinem literarischen und philosophischen Anspielungsreichtum und seinen
tollen Stilspruengen beim ersten Lesen kaum zu erfassen ist, - als blosses
=Lesefutter= ohnehin so wenig taugt wie als =Filmvorlage=. Ein Maerchen, das
wie die vollkommene Einloesung einer Goethe-Maxime wirkt: =Verweile nicht und
sei dir selbst ein Traum, / Und wie du reisest, danke jedem Raum, / Bequeme
dich dem Heissen wie dem Kalten, / Dir wird die Welt, du wirst ihr nie
veralten!=
Ein Meisterwerk? Peter Handke, der derartige Etikette wenig schaetzt, hat in
einem Gespraech ueber Emmanuel Bove betont, man duerfe =nie zu meisterlich
werden=, sondern muesse =immer suchen, immer ein Anfaenger bleiben=. Zu
solchem Suchen gehoert beim Wagnis des Erzaehlens wie beim Wagnis der Liebe
stets das Zagen, die Unsicherheit. Es sind die vielen zaghaften Momente im
Roman =Der Bildverlust=, die denen des verwegen phantasierenden Zupackens
erst ihr ganzes Gewicht geben und dem Ganzen seine unverwechselbare
Handkesche Aura. Wenn in deutscher Sprache noch Weltliteratur geschrieben
wird, dann sieht sie so aus wie die von Peter Handke.

Peter Handke: Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos. Roman.
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002. 760 Seiten.

zurueck


 



A LONG EXCERPT FROM HANDKE'S 2002 NOVEL bildverlust,
[c] 2002 suhrkamp verlag

Der Tag, an dem sie aufbrach, war ein Tag mitten in der Woche. Der Sonntag
war jedenfalls noch weit; sie wusste schon, wo sie dann sein wollte, und sie
freute sich darauf. Mit dem jaehen Wetterwechsel, dem Brechen der Kaelte, war
auch das letzte Hindernis fuer ihre Wege- und Unternehmungslust aus der Welt:
den Frost, den andauernden reinen Winter, den sie sich so lang wie moeglich
gewuenscht hatte, wuerde sie dafuer vielleicht auf ihrer Wanderung umso
nachhaltiger mitkriegen, auch wenn diese weit unten im Sueden stattfaende, mit
einem Ausblick vom Pico de Almanzor fast wie schon hinueber nach Afrika (hiess
al-manzar arabisch nicht =der Ausblick? oder kam das Wort eher von
al-mansur, der Siegreiche?, hatte nicht ein siegreicher arabischer Feldherr
und Koenig im Mittelalter hier so geheissen?)
In der Sierra de Gredos wuerde die Gipfelflur, vom Ostmassiv ueber das
besonders hohe Zentralmassiv bis hin, nach fast zweihundert Gratkilometern,
zum Westmassiv, mit Gewissheit (oder ohne jeden Zweifel, wie zur Zeit
unserer Geschichte eins der gang-und-gaebe-Woerter lautete) bis hinunter in
die Hochtaeler verschneit sein und das noch bis in den Fruehling zweifellos
bleiben. Und auch das Sichverschleiern und dann hinter dunklen, vom Westen
her rasch vorrueckenden Wolkenbaenken Verschwinden der in all den Vorwochen so
bestaendigen Januarsonne trug bei zu ihrer alten, neuen, wiedergekehrten
Unbaendigkeit. Das tintige Leuchten des Asphalts, die klaren dunklen
fernfernen Horizonte und das Blau der Oliven, im Kreis den Boden bedeckend
unter den Baeumen an den Suedhaengen der Sierra, wo das gerade die Zeit des Herabschuettelns und Erntens waere! Schon jetzt, tausend Meilen davon weg in ihrem Nordwesten, lief sie ein paar Schritte jenen blauen Erdkreisen
entgegen.Seit ihren Anfaengen hatte sie zu den Pionieren neuer Lebensformen gehoert
(die jeweils ebenso die Wiederkehr vergessener oder wie fuer immer abgetaner
sein konnten). Lebensformen, das hiess da aber nicht Sensationen, unerhoerte
Vokabeln, ohrenbetaeubende Feste, traumhafte Paarungen, zukunftsweisende
Gesellschaften; hiess ueberhaupt nichts sogenannt Zukunfts-, vielmehr bloss
Gegenwarts-Weisendes oder Gegenwarts-Verstaerkendes; hiess auch nichts
OEffentliches und Propagiertes, entstand nur aus ihr und fuer sie selbst, ohne
Hinblick auf die Gesellschaft und nicht einmal eine Gemeinschaft, und wurde
zur Lebensform einzig durch Beispiel und Ansteckung, und weil diese Form
vielleicht ohnehin in der Luft lag; fuehrte auch zu nichts als zu dieser und
jener Gemeinsamkeit mit diesem und jenem, ohne irgendein Cliquen-,
Avantgarde- oder Elitenbewusstsein: solche unverschworenen und sporadischen
Gemeinsamkeiten mit sonst Unbekannten, die nach einem lustigen oder
scheu-ehrerbietigen Grussblick ruhig weiter so unbekannt bleiben konnten,
waren ihr in der damaligen Epoche zwar nicht gerade das hoechste, aber doch
so ziemlich das wahrste der Gefuehle; ihresgleichen, kam ihr vor, brauchte
jedenfalls - zumindest fuer eine Zwischenzeit - keine Gemeinschafts- und
schon gar keine Gesellschaftsgefuehle mehr; worauf sie abzielte, das war ein
von der Gesellschaft und den Systemen unabhaengiges Lebensgefuehl (ausgenommen
natuerlich in ihrem Beruf, der in ihrer Geschichte aber fuers erste nur als
leergelassene unbeschriebene weisse Stelle vorkommen sollte, die angrenzenden
Stellen - alles grenzte ja an sie! - umso kraeftiger hervorhebend und
einfaerbend). Und aus derartigem Lebensgefuehl gestalteten sich in der Regel
ganz selbsttaetig die neuen oder altneuen Lebensformen, die wiederum die
Lebensgefuehle bewahrten und in Schwung hielten.
Welche Formen? Weder Auf-Baeume-Steigen noch In-Eisloechern-Schwimmen. Weder
Dauerlaeufe noch Nachgehen der frueheren Pilgerwege. Weder Pilzexkursionen
noch Hoehlenuebernachtungen. Weder Exerzitien auf dem Berg Athos noch Fahrten
mit der Transsibirischen Eisenbahn. Weder Liebeskongresse noch Teilnahme am
Friedenskorps. Ein Beispiel (das in Wahrheit aber keines ist): als Kind in
dem wendischen Dorf war sie oft, wenn es regnete, aus dem Haus der
Grosseltern ueber den Hof in die Holzhuette gegangen, weil sie dort, hinter den
jeden Windstoss durchlassenden Latten, den Scheitel nah am duennen Blechdach,
dem Geschehen, dem Ereignis =Regen= so viel naeher war, und sie hatte sich
gewundert, dass jeweils nur sie allein dort in Anhoerung und angesichts des
Regens zwischen den Scheiten stand: Lebensform! - aber keiner, der ihr
nachtat und sie mit ihr teilte. Nein, nicht bloss gewundert, sondern mit der
Zeit auch empoert hatte sie sich, dass sie auf diese Weise keine Gemeinsamkeit
stiftete: schon an dem Kind also das spaeter von Artikel zu Artikel
fortgeschriebene Sendungsbewusstsein.
Weiteres Beispiel (das wieder keins ist): Als Schuelerin und auch noch dann
als Studentin hat sie sich bei allen moeglichen offiziellen Anlaessen und
oeffentlichen oder staatlichen Reden alsbaldigst verzogen, ohne jedoch den
Raum zu verlassen: sie blieb dort, machte sich jedoch unsichtbar, indem sie
sich hinter einen Vorhang setzte oder stellte. Und bei solchen Gelegenheiten
gab es immer einen zum Sichverstecken geeigneten Vorhang - sie hatte sofort
ein Auge dafuer, und wenn es kein Vorhang war, so dienten ihr dazu eine
Tafel, eine spanische Wand, ein Kartenstaender, eine Garderobe. Am besten, am
lebendigsten, aber war es hinter einem richtigen Vorhang, womoeglich hinter
dem einer Buehne, vor welcher, an einem Pult oder sonstwo, der Festakt oder
sonstwas vonstatten ging. Im Lauf jener Jahre hockte das Schulkind und
spaeter die Wirtschaftsstudentin bei jedem Event (das hiess seinerzeit noch
anders) im Duester hinter so einem Buehnenvorhang und spuerte sich von einem
grundanderen Raum umgeben als dem draussen dort in dem Gesellschaftsbereich,
spuerte eine grundandere Zeit gelten - doch warum kam auch jetzt nie jemand
zu ihr herein? haetten doch selbst die Feinde - sie hatte schon von Kind an
ihre zahlreiche Feindesschar -, wuerden sie zu ihr da hinter den Vorhang
treten, auf der Stelle ihre Feindschaft wenn nicht vergessen, so fuer
Augenblicke - entscheidende - zurueckgestellt?! Wo bleibt ihr, Kerle? Warum
kommt ihr nicht und sagt von mir: So ist es richtig!? Was habt ihr dort
draussen im falschen Licht nur zu suchen, ihr Weltvergessenen? Kassandra?
Nein, sie haette vor denen kein Unheil ausgemalt. Keine
Katastrophenwarnmission. Kein Staatsverrat. Kein Untergangskluengeln. Aber
dennoch Kind, Maedchen, Frau mit Mission?
Erst viel spaeter fand sie mit ihren paar so eigenbroetlerischen Lebensformen
hier und da eine Gemeinsamkeit. Das war aber in einer Periode, da sie laengst
aufgehoert hatte, sich zu wundern und zu aergern, dass niemand ihr nachtat. Dass
zum Beispiel der Vater ihres Kindes unbekannt blieb: nicht wenige Frauen
hielten es damals genauso; und wie sie lebten auch diese Frauen dann so oder
so, ohne einen Mann. Ein anderes, eher geringes Beispiel, mehr in den Alltag
gehoerig als in einen groesseren Lebensbogen: bei einer (allerdings nicht
zaehlenden) Minderheit (allerdings nicht bloss in ihrer Gegend, sondern auf
der ganzen Welt) war es ueblich geworden, keine Musik mehr zu hoeren, nicht zu
Hause und auch nicht im Konzert; bloss ueblich oder beabsichtigte Form? Form.
Und ein anderes, noch nichtigeres Beispiel: eine wieder verschwindende
Minderheit hatte es sich angewoehnt, am Abend in den Haeusern das Licht
auszuschalten und einfach still im Dunkeln zu sitzen, am Fenster oder vor
einer Schattenwand; blosse Angewohnheit oder Form? Form!
Eine derartige neue oder alte Lebensform bildete es auch, wie sie sich jetzt
hin zum Flugplatz bewegte. Sie ging zu Fuss hinaus zum Flughafen, der fast
einen halben Tagesweg von der Nordweststadt entfernt lag; sie wanderte zu
ihrem Flugzeug. Schon vor langem hatte sie mit diesen Wanderungen
angefangen, und unternahm sie, wann immer sie Zeit hatte, und sie hatte, wie
bekannt, grundsaetzlich viel Zeit.
Erstmals war sie damals so in Berlin unterwegs gewesen, von einer
Seitenstrasse des Kurfuerstendamms bis vor den Eingang des Flughafens Tegel.
Obwohl es ein Wochentag war, wurde es in der Erinnerung ein Sonntag. Sie
nahm die Schlossstrasse, zog einen Bogen um das Schloss Charlottenburg, machte
zuvor einen kleinen Abstecher ins AEgyptische Museum, umkurvte den
Schlossgarten auf dem Tegeler Weg, sah sich unversehens neben der Spree
hergehen, das Wasser, das sie aus der Kindheit im wendischen Land als
Rinnsal, nichtig und doch tief, im Gedaechtnis hatte, fast in
Handeintauchnaehe und zugleich als zuenftigen, sich schlaengelnden,
maeandernden, zwischen breit und bachschmal wechselnden Fluss, dann sogar, vor
der Abzweigung des Westhafenkanals, mit einer regelrechten Insel, in
rhythmischen, weitausholenden Schlingen westwaerts vorstossendes Gewaesser in
der Abflussrinne des Urstromtals, mit einer Ahnung der Vorzeit in den
Windmustern und dem Schimmern an den Biegungen, was dem Unterwegssein gar
nichts von seiner Jetzigkeit nahm. Und weiter, damals wie jetzt, von der
Spree abgebogen nordwaerts, am Rand der Stadtautobahn, zur Linken die
Jungfernheide, zur Rechten Ploetzensee, war das noch Berlin?, halbverboten
durch Schrebergaertenkolonien, ebenso Zaeune ueberklettert, Obst von den Baeumen
stibitzt, Stacheldraehte unterschlupft, wilden Hunden ausgewichen (die
freilich jeweils schon frueher, auch, nach dem ersten Scheinvorpreschen,
schneller und bis in die fernsten Winkel auswichen), fluechtende Hasen mit
einem Ruf kurz vor ihrem Dornbusch fuer einen Lauschermoment zum Stehen
gebracht, und ein paar Momente danach die selbsttaetig sich oeffnenden Tueren
der Schalterhalle, Schilder und Lautsprecheraufrufe wie Moskau =Teneriffa=Faro= Antalya= Bagdad (schon beim Durchkriechen der
Dornstraeucher hinaus auf die Vorplatzrampe waren die Zielorte ausgerufen
worden, zu hoeren wie aus den gerade gestarteten Flugzeugen zu ihren
Haeupten).

Spaeter ging sie fast noch lieber die umgekehrten Strecken nach einer Landung
daheim in ihrer Gegend zu Fuss von der Landebahn oft ueber Huegel und Taeler bis
direkt vor ihr Haus. Und auch damit blieb sie nicht allein. Nicht wenige
kehrten in der Zwischenzeit, vor allem von langen Reisen, auf solche Weise
zurueck; wanderten das letzte Stueck zu Fuss, was manchmal laenger dauern konnte
als vorher der ganze Flug. In dieser Richtung war ausserdem nicht zu
befuerchten, dass man, wie umgekehrt vor dem Flughafen, am Ende im Pulk
ankaeme: anfangs vielleicht noch eine Zeitlang mehr oder weniger zusammen, im
groesseren oder, beinah immer, kleinen Haufen, zweigte doch einer nach dem
andern dann ab in seine Richtung und kam als alleiniger ans Ziel.
Auch jetzt wurde diese Art von Heimkehrern schon von weitem, im
Entgegenkommen, erkennbar, an dem (taeuschend) leichten Gepaeck, das dabei
doch spuerbar Gepaeck war, vielherumgekommenes (ohne Etikettierung), und an
einem gewissen Selbstbewusstsein des Gehens, geradezu einem Hochmut, so zu
gehen auf dem Randstreifen der UEberlandstrasse und keinen Seitenblick uebrig
zu haben fuer die oft eigens nah an ihnen vorbeipreschenden, auch sinnlos
hupenden Fahrzeuge. Auch untereinander bedachten sie sich hoechstens einmal
kreuz und quer aus den Augenwinkeln: so ein Bedachtwerden freilich als eine
Art Wegzehrung.
Trotzdem wollte sie den Autor dann fuer ihre Geschichte zu einem anderen
Anfang ihrer Reise ueberreden: war so denn nicht schon zuviel verraten
worden, weniger von ihr selbst - da hatte sie vielleicht noch ganz anderes
zu verraten -, als von den Zeitumstaenden, die, wie gesagt, doch eher =ex
negativo-, in dem, was nicht die Vordergruende bildete, geschildert werden
sollten? Der Autor: =Aber handelte es sich denn nicht gerade eben um das? =Warum mich nicht auf ein Flussboot gehen lassen? Oder: =Sie ging zu dem
grossen neuen Busbahnhof gleich am Stadtrand, von wo mehrmals woechentlich
Busse in saemtliche andere Flusshafenstaedte des Kontinents abfahren, nach
Belgrad, nach Wien, nach Duesseldorf, nach Budapest, nach Zaragoza, nach
Sevilla, und bis hinueber nach Tanger, auf Faehren, einer dieser so heutigen
Busse phantastischer oder traumhafter als der andere, kaum mehr als Busse
erkennbar, Interplanetarfahrzeuge - nur die Uhr in dem Bahnhof noch die
alte, wie bei ihrem, meinem Zuzug vor anderthalb Jahrzehnten, immer noch die
gleiche falsche Zeit anzeigend, fuenf Stunden zu frueh oder sieben Stunden zu
spaet.=
Der Autor: =Was wird dann aber aus der Botschaft in Ihrem Buch?= - Sie:
=Welche Botschaft?= - Der Autor: =Zum Beispiel die von den neuen oder
wiedergefundenen Lebensformen.= - Sie: =Haben Sie denn je eine Botschaft
gehabt?= - Der Autor: =Ja. Noch und noch Botschaften. Aber immer nur solche,
die mein Buch dann unvermutet an mich selber richtete.= - Sie: =Frohe
Botschaften?= - Der Autor: =Bis jetzt fast nur frohe.
Mit angekratzter Stirn und lehmigen Stiefeln ihre und unsere Ankunft in der
Abflughalle. So viel Luft vorher, und jetzt von einem Schritt zum naechsten
in einem anderen Element. Element? Fast nur mehr die Aussenwelt abhaltende
Drehtueren. Aber auch wo noch eine altertuemliche Tuer kurz offenstand, drang
kein Hauch herein in die Hallen. Auf dem Glanzboden keine Fussabdruecke ausser
den ihren. Nichts als die Schlieren der Kofferraeder und der Gepaeckwagen.
Dabei kein Fussbreit freigelassen; jeder Zoll des Flughafenbodens beansprucht
von Gehenden, Stehenden, Sichanstellenden, Rennenden - ein jeder die von ihm
behauptete gerade Linie einhaltend. Viele in gellenden Selbstgespraechen -
nein, sie schrien so ein auf andere, Abwesende. Doch nicht ein jeder so mit
der Hand am Ohr hielt da ein sogenanntes Mobiltelefon: auch dieser und
jener, der sich in dem Getuemmel einfach bloss die Hand ans Ohr hielt und
stumm blieb.
An einer Stelle jetzt wieder Tropfen wie von Nasenblut, im
Spielwuerfelmuster: einer von den nicht wenigen Passagieren, die gegen eine
Glaswand geknallt waren, die bei einer Spiegelung von aussen sich im Freien
geglaubt hatten? Leuchtende Weltkarten und sich wie vierdimensional drehende
Globen allerwaerts - war das noch der Atlas der Fernen damals aus der
Kindheit? Atlas der Fernen jetzt eher beim Blick aus meinem hiesigen
Zimmerfenster? Wo wollt ihr alle nur hin, bei euch aufgeschwatzten und
aufgezwungenen Zielen, zu Stunden, an Tagen und fuer eine Zeitstrecke, die
wiederum nicht in eurer Hand liegt, die ihr euch fremdbestimmen lassen muesst
und die allesamt, Ziel, Abfahrts- und Rueckkehrstunde, Dauer, nichts zu
schaffen haben sowohl mit eurer einstigen und vielleicht immerwaehrenden
Reiselust als auch eurer weiterhin moeglichen - durch diese Geld- und
Computer-Diktatur jedoch unmoeglich gemachten - spontanen Aufbruchssehnsucht?
Widersprachen die zeitgenoessischen Reisezwaenge nicht dem Recht auf
Freizuegigkeit, einem der Grundrechte der Verfassungen? Dem Beduerfnis nach
Spontaneitaet - der Lust, sich selbst und andere zu ueberraschen? (Ende der
Botschaft)
Wildtaubenfeder auf einem Laufband, und der und jener nahm sie auch in sich
auf. Einige in schwarzen Gewaendern, vor dem Abflug zu einer doerflichen
Beerdigung. Eine Familie schlafend abseits auf einer Bank, auch die Eltern
barfuss. Eine Armee von Tiefglanzbildern, die uns in die Augen stechen und
die Koepfe verreissen, doch nirgends ein Bild, ein lebendes? Kind,
geradeausblickend, das Kunterbunt uebersehend und es uebersehend so auch fuer
mich.
Einzelne Regentropfen im Wegstaub. UEber ein schwarzgebeiztes torbreites und
-dickes Brett vom Landende hinauf auf das Schiff. Wo hatte sie dieses Brett
einst gesehen? Im Schiffahrtsmuseum von Madrid, als Teil des Geraets, mit dem
die Seeleute des spanisch-oesterreichischen Weltreichs ueber die Meere, vor
allem die westlichen, segelten, bis Westindien, Venezuela, Mexico. So dick
war das Brett, und so fest lag es beidseits, dass es unter ihren Sohlen auf
dem ganzen Anstieg hinauf zu der Reling keinmal weder schwankte noch
federte. Wann war das jetzt? Im sechzehnten Jahrhundert, um 1556 genau, kurz
nach der Abdankung des Emperadors, des Kaisers Karl des Fuenften, und zur
Zeit seiner UEberquerung, in einer Saenfte, wegen seiner Gicht, der Sierra de
Gredos, auf dem Weg in sein Ruhekloster (San) Yuste an deren Suedauslaeufern.
Und wo war das jetzt? In dem damals groessten spanischen UEberseehafen, dem von
San Lucar de Barrameda, auch halb so ein Flusshafen, am rIo Guadalquivi­r,
unterhalb von Sevilla, Ablegestelle fuer das Einheimsen des fernen
indianischen Golds. Das Brueckenbrett stand noch nicht aufrecht und mit
Schiffstauen an einer Wand befestigt wie dann im Museum, und es war auch
ungebeizt und salzhell (von den beruehmten Salinen San Lucars, mit dem
unvergleichlichen Salz zum Stockfischepoekeln), und sie war darauf so
barfuss wie die schlafende ueberseeische Familie heute, oder wann auch immer,
an wieder so einem Aufbruchsmorgen hier, oder wo auch immer, in der
Flughafenhalle.
Ihre Beruehmtheit war von einer Art, dass sie gleichsam selber darueber
bestimmen konnte, ob man sie erkannte oder nicht. Und so blieb sie in der
Regel unerkannt, auch wenn immer jemand vor ihr stockte und unwillkuerlich
ihr Gesicht und ihre Umrisse in die Luft zeichnete - ohne dann freilich zu
wissen, wohin mit ihr: Zeichnung geloescht.
Solches Undeutlich- und Irgendwer-Werden war freilich schwer durchzuhalten
auf den Flughaefen. Dort wurde sie dann jeweils am haeufigsten erkannt, wohl
oder uebel. Des oefteren uebel. Dass man ihr, indem sie erkannt wurde, uebel
wollte, geschah nie sofort. In vielen Augen war auf den ersten Blick sogar
der Ansatz zu einer freudigen UEberraschung. Beinah haette sich der eine oder
die andere ueber die Begegnung gefreut. Auch den gegen sie Eingenommenen gab
es zunaechst einen Ruck, und sie haetten diese Frau um ein Haar herzlich
gegruesst. Erschien sie doch so grundverschieden von der Vorstellung, die man
sich, nach wieder einer Reportage, einem Artikel, einem Photo, einer
Nachricht, von dieser Fadenzieherin und Puppenspielerin gemacht hatte.
Erst einmal war sie in der Wirklichkeit unvergleichlich schoener. Und dann
zeigte sie sich, im Gegensatz zu ihren bei Gelegenheit mit wie
finster-verschlossenem Gesicht exekutierten Auftritten im Fernsehen, offen
und zugaenglich. Schon aus der Art, wie sie sich bewegte, ging hervor, dass
sie von allem und jedem, an dem sie vorbeikam, eine Einzelheit in sich auf-
und mit sich nahm, unter ihren ausschwingenden Achseln, an den Schlaefen,
hinter den Ohren, in der Biegung ihrer Hueften, an den breiten Knien, und
zwar jene Einzelheit, die fuer einen als Ganzen stand - an jener Einzelheit,
an welcher, von ihr in einem Blickschimmer entdeckt und ins Gedaechtnis
gerufen, man sich seiner selbst erinnerte als einer Gestalt, die rein gar
nichts gemein hatte mit dem Typ oder der Rolle in der aktuellen Situation
jetzt.
Ein Schub, und gleich wieder vorbei. Die Aufmerksamkeit und das freundliche
Mitgehen der Person da waren bloss gespielt. Wusste man denn nicht allgemein,
dass sie in ihrer Jugend, bevor sie in ihre paar anderen Vor-Berufe - vor dem
heutigen - wechselte, der Star eines Films gewesen war (eines Film uebrigens,
der immer noch in bestimmten Kinos nicht nur in Europa gezeigt wurde, auch
in Zwischenschnitten waehrend ihrer Televisionsauftritte: eine Geschichte aus
dem Mittelalter, worin sie, Laienspielerin unter anderen, Ginevra, die Frau
des Koenigs Artus, dargestellt hatte, zugleich die Raetselgeliebte - Geliebte
oder nicht? - des Ritters Lancelot).
Die Epoche, die Zeit ihrer Geschichte von jetzt, war eine des inzwischen
schon nicht mehr zu ueberbietenden Misstrauens. Keiner mehr glaubte dem
andern. Oder jedenfalls glaubte man einander weder die Zuneigung noch das
Freundlichsein, weder das Erbarmen noch die Lust, und erst recht nicht
gleichwelche Liebe. Sogar wenn einer nur so strahlte und jauchzte, wurde
seine Freude ihm nicht abgenommen - und selbst, wenn das ein Kind war. Einer
konnte schreien vor Schmerz - doch nach einem allzu kurzen Innehalten und
Bedenklichwerden des Gegenuebers kam von diesem bloss noch ein schiefer Blick:
nicht allein des Misstrauens - der Missachtung.
Keines der wahren oder vielleicht urspruenglichen Gefuehle fand mehr auf eine
Dauer Glauben, es sei denn Hass, Ekel, Verachtung. Waren das
Ursprungsgefuehle? Die Ursprungsgefuehle seit dem Beginn der Zeiten? Es war
jedenfalls die Epoche der nicht nur schadenfrohen, vielmehr der boesen
Zuschauer. Vielleicht nicht auf den ersten oder zweiten Blick, aber auf
einen spaeteren, dafuer wie endgueltigen, wollten sie dem, der ihnen unter die
Augen kam, uebel. Die Schoenheit dieser Frau jetzt: o ja! Doch der Funken
Freude und des Sich-Besinnens davor schlug, im Kopfwegdrehen, um in eine
Gewaltvorstellung: ihr fuer ihre Schoenheit weh tun; sie dafuer erniedrigen;
sie dafuer bestrafen. Gab es das: den Ur-Hass, die Ur-Wut, den Ur-Ekel, erst
einmal ungerichtet, und dann wie erloest seine Richtung findend, gegen das so
allerseltene Schoene? Ich Zuschauer als Richter und Henker? Derart erloest von
meinem Hassen?
Gerade die Flughaefen schienen damals-jetzt zu einem der Austragungsorte
geworden fuer den Spielverderb der Millionen der boesen Zuschauer. Deren
Feindseligkeiten konnten in dieser Umgebung zumindest keine Linderung finden
(die andererseits erhoffte? denn litt nicht ich selber unter meiner
Blindwuetigkeit?). Waren es die Luftabgeschlossenheit und das allgegenwaertige
kuenstliche Licht - selbst an den Stellen, wo das Tageslicht, das von aussen,
genuegt haette -, die uns zusaetzlich reizten? Oder auch die daselbst
unvermeidliche, das Boese hervorkitzelnde Ungeduld? Die Flughaefen,
insbesondere die grossen - und es gab fast nur noch grosse oder gar
gigantische - reizten zum Feindseligwerden. Und einer, der schon vorher vage
ein Feind gewesen war, verwandelte sich, wenn wir einander da zufaellig
begegneten, gleichsam in der Regel, in einen entschiedenen, endgueltigen
Feind (ohne Worte - gerade weil wir kein Wort wechselten).
So kreuzte sie jetzt einen ihrer Berufsfeinde, der zwar spuerbar ganz
woandershin unterwegs war, aber in dem labyrinthischen Komplex ihr immer
wieder ueber den Weg lief oder vor, hinter oder sogar neben ihr herging.
Zuletzt war er wachsbleich geworden, und sie hoerte seine Zaehne knirschen vor
Hass, waehrend er sich eine Zigarette anzuendete mit einem so heftigen
Feuerzeugklicken und einer so uebertriebenen Flamme, als fachte er einen
Scheiterhaufen an, und zugleich mit seinem Metallkoefferchen in die luftlose
Luft hieb. Und ebenso waren auch die zahllosen Unbekannten, speziell vor
ihrem bekannten Gesicht, zu einem rueden Affront bereit. Der konnte
unvermutet stattfinden, aus einem seitlichen Korridor heraus, beim UEberholen
auf einem Rollband, in ihrem Ruecken begangen von einem Unsichtbaren - der
das auch blieb, entweder weil er, den Angriff ausgefuehrt, gleich wieder
verschwand, oder weil sie sich ohnedies keinmal nach so einem umdrehte.
In jener Stunde vor dem Abflug wurde dann eine Stimme hoerbar, nah an ihrem
Ohr, die Stimme einer Frau, nicht leise, nur zittrig, vor Wut? vor Alter?:
Du sollst dich schaemen. Schande hast du gemacht deinem Vater und deiner
Mutter und deinem Land. Schandweib! Reiz des Schoenen? Es war, als sei
dieses in der Zwischenzeit zu einem boesen Reiz geworden - ihre Art der
Schoenheit reizte zum Boesewerden? Und wie nahm die so Geschmaehte das auf?
Einerseits ging es an ihr, der froehlich Eltern- und Heimatlosen, vorbei.
Doch andererseits weckte und vertiefte es, als blosser Anwurf, das Bewusstsein
von ihrer Schuld - keine Stunde, da es sich nicht unvermittelt, zwischen
zwei Schritten, in ihr Leben einmischte. Und wieder andererseits: Eine
Ameisenstrasse dort neben dem Laufband! Die tote Taube, wie schon seit
Jahren, skeletthaft, hoch oben auf der Glaskuppel. Das Palmenrasseln von
Jericho. Oder sind und waren das die ebenso riesigen Palmen von Nablus? Ganz
allein hatte sie in der Sonne auf einer leeren Terrasse gesessen, sass sie,
sitzt sie, mit Blick auf die Wueste; wird sie dort gesessen haben. Der Hund
halb eingerollt im Sand, an seinem Bauch ebenso die viel kleinere Katze.
Mit den Bildern hielt sie sich die Angreifer nicht bloss vom Leibe. Sie
schlug sie damit zurueck. Das jeweilige Bild diente ihr ebenso als Ruestung
wie auch, sooft es um mehr ging als um friedliches Entwaffnen, als Waffe.
Mit den Bildern hatte sie es in der Hand, den anderen buchstaeblich
niederzumachen und auszuschalten. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, und
ohne von dem Bild etwas mitzubekommen, schlug dieses auf ihn ein, ausgesandt
von ihren Brauenboegen oder Schulterblaettern, und traf ihn mit der Wucht
eines elektrischen Schlags, der ihn durchfuhr von den Fusssohlen hinauf bis
in den Scheitel.
So wurde jetzt dem einen Berufsfeind sein Metallkoffer weggeschmettert durch
die Halle, und er taumelte dahinter her. So kam jetzt von der fortgesetzt
auf sie einfluesternden Altweiberstimme in ihrem Ruecken ein Sticklaut, und
einen Augenblick spaeter war die Spukfigur mit einem der nadelspitzen
Palmenfaecher von Nablus oder Jericho von der Szene gefegt. Jedenfalls wollte
sie, dass der Autor in ihrer Geschichte diese Episoden einfliessen liesse. Der
Autor: Sie sind demnach erfunden? Nein. Wirklich passiert, zum
Weitererzaehlen.
Im Abflug war es, als sei es nicht mehr, wie noch gerade am Morgen, Anfang
Januar; als liege der Winteranfang laengst hinter einem, und man befinde
sich, bei tiefen dunklen Vorregenwolken, irgendwann mitten im Jahr, oder die
Handlung werde fortgesetzt zumindest einen guten Monat spaeter. Eine Distel
ragte aus der Betonpiste. Die Waldrebenbaeusche unten dann am Pistenrand
verblueht, kein Silberglanz mehr in dem Grau; und auch ihre winterliche
Girlandenform welk durchhaengend. Und eine dieser verbrauchten Girlanden im
Starten hinauf an ihre Fensterluke wirbelnd und gegen das Glas der
Flugzeugluke schlagend mit einem weltfernen Geraeusch, wie an eine
Kutschentuer. Und Augenblicke vorher das Rumpeln der Raeder als das eines
Busses in den Schlagloechern einer Pyrenaeenstrasse. Und draussen auf dem
Rollfeld dahinstiebend und sich ueberschlagend die losgerissenen
Dornstrauchkugeln aus der Praerie, in Schwaden von Wuestenstaubwolken, die
bildgleiche Vorwegnahme der Sequenz, eine Stunde oder wieviel? spaeter, des
Films des ueber den Koepfen der Passagiere laufenden Films, sichtlich gedreht
in dem Nacktbraun, dem wie endgueltigen und unveraenderlichen, des iberischen
Tafellandes, in welches das nordwestliche Gruen da laengst uebergegangen sein
wird.
Liebesreise! hatte sie da gedacht, ein Auge auf dem Film zu ihren Haeupten,
ein Auge auf der Landschaft tief unter der Maschine, und sich dabei aus der
Luft, aus dem Film, angeschaut gefuehlt, ruhig, starr, aus dem Abstand,
unnahbar, so nah, wie jemand und etwas nur sein konnte. Begehren setzte ein,
oder wurde akut, rueckte in die Mitte. Denn ihr Begehren war immer da, war
bestaendig. Kein Moment, in dem ich nicht begehre, erzaehlte sie dem Autor,
und sie sagte das sachlich, als eine Selbstverstaendlichkeit. Begehren oder
Sehnen? (der Autor). Begehren und Sehnen.
Bloss war ihr Begehren von einer Art, dass es kaum einem Gegenueber je als ein
solches kenntlich werden konnte (und es war wohl auch nicht ihm zugedacht?).
Wer es ueberhaupt wahrnahm, dem jagte es eher Schrecken ein. Egal, ob ich
gemeint bin oder nicht: nur weg von hier! Sie ist irre geworden. Was fuer
eine rauhe Stimme sie hat. Und was fuer Grimassen sie zieht. Sie wird mir den
Kopf abreissen. Sie wird mir ihr Schwert in das Herz stossen. Oder sie wird
mich schlicht anspeien und mir ihre neun Zungen zeigen. Oder sie wird dem
Kind auf dem Sitz neben ihr den Hals umdrehen. Oder sie wird sich mitsamt
diesem Kind da durch den Notausgang in die Tiefe stuerzen, ueber dem rio Ebro
jetzt, ueber dem rio Duero jetzt, auf die dort unten jetzt sich naehernde
spielklotzkleine Kathedrale, Unserer Frau von der Saeule geweiht, von
Zaragoza, der nicht mehr nord-, sondern schon suedwestlichen Flusshafenstadt:
durch die Reihe, Maenner wie Frauen, selbst die Kinder und selbst die Tiere,
ergreifen wir auf der Stelle die Flucht vor dem Sehnen, dem Begehren, dem
Erfuelltsein, dem Hilflossein - alles in einem - dieser Wilden. Auf dem
Kuechentisch in ihrem leeren Anwesen die Passionsfrucht, oder ein
Granatapfel? oder eine Zitrone?, daneben das zurechtgelegte Messer, von den
durch die Schalen der Frucht dringenden Fruchtfleisch-Schwaden bedunstet.
Liebesreise? Liebe? Zu jener Zeit war das Wort =Liebe= rasant im Umlauf.
(Sie hatte dem Autor nahegelegt, ihre Geschichte ab und zu durch eher
abgeschmackte oder saloppe Ausdruecke wie =rasant= ein wenig =einzuschmutzen=
und zu zerknittern.) Nicht nur gab es keinerlei Scheu mehr, das Wort =liebe=
auszusprechen, und warum nicht gleich mehrmals taeglich. Es kam auch staendig
durch die Mikrophone und Lautsprecher, in den Kirchen ebenso wie auf den
Bahnhoefen, in den Konzerthallen, Sportstadien, Gerichtssaelen, selbst
Pressekonferenzen; es stand, und nicht als Kleingedrucktes, rot auf weiss,
auf jedem zweiten Wahl- und Reklameplakat, funkelte heraus aus jeder dritten
Leuchtschrift.
=Liebevolle Puenktlichkeit=, so ging ein Werbespruch fuer den Zugverkehr: was
hiess, dass die Zuege, statt zu spaet, zu frueh fuhren, und man sie immer wieder
versaeumte. Bei den inzwischen taeglichen Hinrichtungen, in Texas, oder
sonstwo, wurde den Delinquenten, die Giftspritzen schon in Adernkontakt,
regelmaessig der Korintherbrief, =.. das Groesste von allen aber ist die
Liebe=, vorgelesen. Nichts als Liebessongs, gesendet Tag und Nacht von Radio
=Sehnsucht= oder vom Kanal =Siebenter Himmel=, schallten durch die
Untergrundstationen und die Suburb-Bahnhoefe, wo, gleichfalls Tag und Nacht,
Schwerbewaffnete patrouillierten und die riesenhohen Metallsperren, laengst
unueberwindlich nicht nur fuer Kinder und alte Leute (die dort ohnedies
Platzverbot hatten), hinter den schnell-schnell durchgeschluepften
gluecklichen Besitzern eines zum Glueck gueltigen Tickets - hinter den =lieben
Fahrgaesten= - fersennah zuschlugen mit einem durch saemtliche Metroschaechte
und Vororttunnels widerhallenden, in derselben Sekunde mehrtausendfach
wiederholten und verstaerkten Stahlgedonner, zu Love Me Tender und =Die
Liebe ist ein seltsames Spiel= von Radio Paradiso oder Radio Nostalghia.
Nach einer Epoche eines nicht faulen, sondern kerngesunden, kraeftigen und
zuversichtlichen Friedens, da viele von uns sich ihrer Zeit, =unserer Zeit=,
der Jetztzeit, gefreut hatten, herrschte wieder das Dunkel einer
Vorkriegszeit. Es war das aber ein Vorkrieg, wie es ihn vielleicht noch nie
zuvor gegeben hatte. Der Frieden bestimmte weiter das Bild, allgegenwaertig
das Wort =Frieden=, von Flugzeugen in den Himmel geschrieben, von
Fackeltraegern in die Nacht gebrannt, genauso wie die =Liebe=.

 


 




 

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